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Sonntag, 19. August 2018

Ayobami Adebayo: Bleib bei mir

Quelle: Pixabay/DigitalMarketingAgency
"Kein Gott ist wie eine Mutter, denn keiner ist so für ihr Kind da wie sie, wenn das Kind leidet."
Bei diesem Zitat handelt es sich um ein nigerianisches Sprichwort aus dem Roman "Bleib bei mir" von Ayobami Adebayo.
In Nigeria werden also Mütter mit Göttern verglichen. Ein eigenartiger Vergleich.

Yejide, die Protagonistin dieses Romans, gehört zu einer Generation Frau in Nigeria, die sich ein Stück weit in Richtung Emanzipation bewegt hat. Allerdings nur ein kleines Stück. Trotz eines Studiums und ihrem beruflichen Erfolg, ist ihr Leben doch den übermächtigen Traditionen unterworfen. Die Traditionen begegnen ihr in Form ihrer Schwiegermutter, deren Glückseligkeit über die Hochzeit zwischen Yejide und ihrem Sohn Akin durch die anhaltende Kinderlosigkeit der Beiden getrübt ist. Man sollte erwähnen, dass sich in ihrem Weltbild und somit auch dem des traditionellen Nigerias eine Frau über ihre Mutterschaft definiert. Je mehr Kinder sie zur Welt bringt, umso besser. Eine Frau, die auch noch Enkelkinder vorweisen kann, wird zur Naturgewalt. Daher ist Schwiegermutters Druck auf Yejide und Akin entsprechend hoch, wobei - wen wundert's - Yejide die Schuld für die Kinderlosigkeit zugesprochen wird. 
"' ... Los, sag schon, Yejide, hast du Gott je auf einer Entbindungsstation gesehen? Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann und verdienst es nicht, eine Frau genannt zu werden. ...'"
Quelle: Piper
Die Eheleute führen ein modernes Leben. Beide sind beruflich und finanziell erfolgreich. Ihre Hochzeit war eine Liebesheirat. Im Prinzip könnten sie sich auch ein Leben ohne Kinder vorstellen - wenn da nicht dieser enorme Druck der Gesellschaft wäre. 
Doch in Nigeria gibt es die Möglichkeit, derartige Probleme der Kinderlosigkeit in den Griff zu bekommen. Selbst, wenn die Reproduktionsmedizin versagt, gibt es immer noch eine Lösung: eine zweite Ehefrau. Die Schwiegermutter lässt nichts unversucht, um ihren Sohn Akin von dieser Idee zu überzeugen. Dem widerstrebt zwar der Gedanke. Doch im seinem inneren Kampf zwischen modernem Denken sowie Liebe zu Yejide und Gehorsam gegenüber seiner Mutter, siegt der Gehorsam. Yejide wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Aus Angst, ihren Mann zu verlieren, steigert sie sich in ihren Kinderwunsch hinein. Sie lässt nichts unversucht. Der Wunsch nach einer Schwangerschaft wird zur Besessenheit. Aus Verzweiflung lässt sie sich sogar auf ein fragwürdiges Ritual eines traditionellen Heilers ein, was zeigt, wie tief auch eine moderne Frau in der Tradition, in der sie aufgewachsen ist, verwurzelt ist. 
"Als ich im elften Monat schwanger war, beschloss ich, den Berg der beispiellosen Wunder noch einmal aufzusuchen."
Der Roman behandelt die Entwicklung der Ehe von Yejide und Akin, Yejides Kampf gegen Ehefrau Nr. 2 sowie die seelischen Wunden, die sie erleidet. Die Handlung nimmt Wendungen an, die mich überrascht haben, und die an Tragik nicht zu überbieten waren. Natürlich nimmt die Ehe von Yejide und Akin Schaden. Ob es für die Beiden in diesem Buch eine Zukunft gibt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Die Handlung findet über einen Zeitraum von mehreren Jahren statt. Sie wird aus wechselnden Perspektiven erzählt: Zum Einen aus der Sicht von Yejide, zum Anderen aus der Sicht von Akin. Es wird deutlich, dass die Beiden sich lieben. Aber dennoch schaffen sie es nicht, dem Druck, der auf Yejide ausgeübt wird, gemeinsam stand zu halten. Die Verzweiflung, die Yejide an den Tag legt, war für mich permanent spürbar. Doch je verzweifelter Yejide ist, umso hilfloser wirkte Akin auf mich. Hinzu kommt, dass beide während der Leidenszeit nicht aufrichtig miteinander umgehen. Insbesondere Akin hat seine Geheimnisse, die sich erst zum Ende des Romans offenbaren.
"Ich weiß noch, wie ich beim Zusammenfalten der Zeitung dachte, dass sich die Situation spätestens in ein paar Wochen geklärt haben würde. Ich ging davon aus, das Militär wäre sich der eigenen Unpopularität bewusst und würde noch vor Jahresende in die Kasernen zurückkehren. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass Nigeria noch sechs Jahre lang eine Militärdiktatur bleiben würde, hätte ich gelacht."
Das Leben in Nigeria wird nicht nur von Traditionen dominiert. Auch die Politik hat einen ungeheuren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Die Handlung spielt zu einer Zeit (1987 bis 2008), in der das Land von politischen Unruhen erschüttert wird. Umsturz folgt auf Umsturz. Ständig ändert sich das politische Machtgefüge. Politik ist ein bestimmendes Thema im Umgang miteinander. Denn die Menschen leben in großer Unsicherheit bis hin zur Angst. 
Die Autorin Ayobami Adebayo äußert in ihrem Roman viele Kritikpunkte an ihrem Land. Dennoch liebt sie ihr Land und respektiert dessen Traditionen. Denn Tradition muss nicht schlecht sein, solange man eine gesunde Balance zwischen Moderne und Althergebrachtem findet. 

Die Autorin hat mich durch ihre poetische und feinsinnige Spache verzaubert. Insbesondere ihre fantasievollen Vergleiche habe ich sehr genossen. 
Die Geschichte hat mich gefangengenommen. Es ist immer spannend, einen Einblick in fremde Kulturen zu erhalten, insbesondere, wenn er in einer Intensität vermittelt wird wie hier. Ayobami Adebayo beschreibt das Leben ihrer Protagonisten auf eine Weise, die unter die Haut geht. Auch wenn ich den Titel "Bleib bei mir" anfangs kitschig fand, musste ich am Ende feststellen, dass es keinen passenderen Titel gibt. "Bleib bei mir" - ein Ausspruch, der die Verzweiflung der Protagonisten in drei einfache Worte fasst. 

© Renie



Über die Autorin:
Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, geboren 1988 in Lagos, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben unter anderem bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie. Ihre Geschichten erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Ihr Debütroman »Bleib bei mir« wurde von der Kritik hoch gelobt, war für den Baileys Women's Prize for Fiction nominiert und wurde in dreizehn Länder verkauft. (Quelle: Piper)

Montag, 1. Juni 2015

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Der Verlag über das Buch:

Die literarische Sensation aus Amerika – ein kosmopolitischer Familienroman: In Boston, London und Ghana sind sie zu Hause, Olu, Sadie und Taiwo. Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Entdeckung. Und sie finden das verloren geglaubte Glück – den Zusammenhalt der Familie. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt. Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme - jenseits von Afrika. (Quelle: S. Fischer Verlage)





"Man lebt sein ganzes Leben in dieser Welt, in diesen Welten, und man weiß, was die Leute über einen denken, man weiß, was sie sehen. Man sagt, ich bin Afrikaner, und möchte sich dafür entschuldigen, will sofort nachschieben: Aber ich bin intelligent. Es gibt keine Wertschätzung. Man spürt es. ... Man will, dass sie einen für wertvoll halten, nicht staubig, nicht kaputt, nicht rückständig, stimmt's? Man will, dass es einem scheißegal ist, aber es ist einem nicht scheißegal, weil man Bescheid weiß, ... - man hat Angst vor dem, was sie denken, aber nicht sagen. Und dann, eines Tages, hört man es doch." (S. 383)
Die Geschichte beginnt mit einem Herzinfarkt. Während der letzten Momente in seinem Dasein, durchlebt Kweku  Sai noch einmal einzelne Episoden seines 57-jährigen Lebens: in Ghana aufgewachsen, irgendwann nach Amerika ausgewandert, eine Ausbildung zum Chirurgen gemacht, geheiratet, 4 Kinder in die Welt gesetzt. Nachdem er beruflich scheitert, verlässt er seine Frau Fola und die Kinder und geht zurück nach Ghana. Fola wird sich ein Leben lang fragen, warum Kweku sie verlassen hat. Von dem beruflichen Misserfolg weiß sie nichts. 
In Ghana lernt er seine zweite Frau Ama kennen. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern. 
Nachdem sie vom Tod ihres Vaters erfahren, reisen die Kinder nach Ghana. Hier treffen sie Fola, die ebenfalls vor einigen Jahren wieder zurück nach Afrika gegangen ist. Gemeinsam verbringen sie die Tage vor Kweku's Bestattung und arbeiten ihre Vergangenheit auf.

Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit diesem Buch. Der Schreibstil von Taiye Selasi ist gewöhnungsbedürftig, da sie sehr gern die Aneinanderreihung von Satzfragmenten als stilistisches Mittel einsetzt. Hier ist ein Beispiel:
"Eine Frau. Die Stimme einer Frau. Die Liebe einer Frau. Die Liebe zu ihr und ihre Liebe. Eine Frau, zwei Frauen. Die Mutter und Geliebte, wo alles beginnt und endet, wie er es schon immer vermutet hat." (S. 31)
Im Verlauf der Geschichte habe ich mich an diesen Erzählstil gewöhnt. Ich musste sogar feststellen, dass dieser spezielle Stil dazu beigetragen hat, dass mich die Geschichte völlig in ihren Bann gezogen hat. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. Die Stimmung, die vermittelt wird, ist teilweise beklemmend, aber auch aufwühlend. Und oft verspürt man eine unterdrückte Wut, mit der dieser Roman erzählt wird.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Jeder der Familie Sai kommt zu Wort und schildert Episoden aus der Vergangenheit. Leider gibt es dabei keine Chronologie. Man muss also beim Lesen höllisch aufpassen, um zu verstehen, in welchem Abschnitt der Familiengeschichte man sich gerade befindet. 
Die Charaktere erschließen sich dem Leser erst im Verlauf der Geschichte. Aber eines ist von Anfang an klar: Jedes Mitglied der Familie Sai scheint psychische Probleme zu haben. Insbesondere die Kinder stehen unter einem enormen seelischen Druck. Sie konkurrieren untereinander, sind nicht in der Lage eigene Schwächen zu akzeptieren und versuchen, ihren Geschwistern nachzueifern. Eines haben sie gemeinsam: sie buhlen um die Zuneigung ihrer Eltern. 
"Rasende Wut, aus dem Nichts. Sie schaut ihre Mutter an und spürt, wie die Wut in ihr aufsteigt, quälend und gleichzeitig peinlich, dass das ausgerechnet jetzt passiert, während die anderen lachen und ihre Trauer einen Moment beiseiteschieben, um Sadie zu feiern, kleine Sadie, südße Sadie, saubere Sadie, reine Sadie, niedlich wie ein Baby, das man einfach knuddeln will. Aus dem Nichts packt sie eine Wut jenseits aller Vernunft." (S. 340 f.)
"Familie" - ein Sinnbild für Geborgenheit, Fürsorge und emotionaler Bindung. Insbesondere Fola, die Mutter, versucht, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Miteinander der Familie Sai hat wenig mit dieser Illusion zu tun. Erst zum Ende des Buches versteht der Leser, warum die Familie ist, wie sie ist. - "denn diese Dinge geschehen nicht einfach so." 

Fazit:
Ein lesenswertes Buch mit einem gewöhnungsbedürftigen Erzählstil, das zum Ende trotz aller Tragödien, mit denen die Familie zu kämpfen hat, einen versöhnlichen Ausklang findet.

© Renie

Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Autorin: Taiye Selasi
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-072525-7

Über die Autorin:
Taiye Selasi ist Schriftstellerin und Fotografin. Sie erfand den Begriff »Afropolitan«. »Afropolitan« bezeichnet eine neue Generation von Weltbürgern mit afrikanischen Wurzeln. Toni Morrison, die Selasi während ihres Studiums in Oxford kennenlernte, inspirierte sie zum Schreiben. Ihre erste Erzählung ›The Sex Lives of African Girls‹ erschien in der Literaturzeitschrift »Granta«. ›Diese Dinge geschehen nicht einfach so‹ ist ihr erster Roman. Selasi ist in London geboren und wuchs in Massachusetts auf. Ihre Eltern, beide Ärzte und Bürgerrechtler, stammen aus Ghana und Nigeria. (Quelle: S. Fischer Verlage)