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Dienstag, 11. Januar 2022

Shumona Sinha: Das russische Testament

Mit „Das russische Testament“, hat die französische Autorin Shumona Sinha ein interessantes Stück multikultureller Literatur geschrieben. Die Autorin ist in Kalkutta geboren, lebt sei 20 Jahren in Frankreich, ist Herausgeberin mehrerer Lyrikbände auf Bengalisch und Französisch und erzählt in ihrem aktuellen Roman über russische Literatur und einem russischen Verlag im Besonderen, eingebunden in die Geschichten zweier Frauen: einer Inderin und einer Russin.

Tania, ein junges Mädchen, wächst in den 80er Jahren in Kalkutta auf. Ihr Vater betreibt eine kleine Buchhandlung, die auf russische Literatur spezialisiert ist. Tania hat das Pech, als Mädchen geboren zu sein und keinen Bruder zu haben. Grund genug für die Mutter, ihr das Leben unerträglich zu machen. Tanias Zuflucht vor ihrem Leben zuhause sind die russischen Bücher, in denen sie sich in dem Laden ihres Vaters verliert. 

Nach der Schule beginnt Tania ein Literaturstudium und wird sich dabei politisch engagieren. Eine kommunistische Studentenbewegung bietet ihr zunächst die Familie, die sie bisher nicht hatte. Sie führt ein Leben, das ihren Eltern unbekannt bleibt, was natürlich auf Dauer in einem Land mit einer Kultur, die Frauen ein selbstbestimmtes Leben verweigert, nicht gut ausgehen kann. 
Die einzige Zuflucht vor der Realität ist und bleibt für Tania die Literatur.
Quelle: Edition Nautilus

Während ihres Studiums lernt Tania die Bücher eines kleinen russischen Verlages - Raduga - kennen und schätzen. Die Geschichte des Verlages, der in den 20er Jahren Bücher veröffentlicht hat, die weder ideologisch noch realitätsbezogen waren und somit auf Dauer gegen die Vorgaben der Stalin Regierung verstießen, fasziniert Tania. Sie verbringt viel Zeit damit, Nachforschungen über den Verlag und seinen Verleger, der 1933 starb, anzustellen. Sie nimmt Kontakt zu der inzwischen über 80-jährigen Tochter (Adel) des Verlegers auf, die in einem Altenheim in Sankt Petersburg lebt und bittet sie um Unterstützung bei ihren Recherchen. 

Adel erinnert sich an ihre Kindheit und das Schicksal ihres Vaters Lew Kljatschko, Journalist und Verlagsgründer des russischen Verlages Raduga. Kljatschko kämpfte zeitlebens darum, die Unabhängigkeit seines Verlages in einem Land zu bewahren, dessen damalige Ideologie jegliche Phantasie und Schönheit ersticken wollte. Am Ende verlor er diesen Kampf. 

Adel spinnt den Erzählfaden weiter. Denn die Geschichte des Verlages und ihres Vaters ist auch ihre eigene Geschichte, die sich nach seinem Tod 1933 fortsetzt, eingebettet in einen historischen Rahmen: vom Stalinismus bis hin zur heutigen Zeit.
"In meiner Kindheit habe auch ich meinen Körper unter den farbenfrohen Büchern versteckt. Ich will nicht, dass man die alte Decke aus kunstvoll gewebten Lügen lüftet. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine zarte Seele dieser zerstörten, eisigen Welt auszusetzen, die kein Strahl eines Traums mehr wärmt."
"Das russische Testament" ist ein wundervolles Stück Literatur, das in einem poetischen und bildhaften Sprachstil erzählt wird. Die Autorin lässt den Leser in fremde Kulturen eintauchen und erzählt dabei in separaten Handlungssträngen die Geschichte von zwei Frauen, deren einzige Verbindung die Literatur zu sein scheint. Einziger Makel an diesem Buch: Die Motivation der Protagonistin Tania für ihr Interesse an dem russischen Verlag und seinem Verleger bleibt vage. Dennoch sind die beiden Handlungsstränge - jeder für sich genommen - unglaublich faszinierend, so dass ich diesen Roman sehr gern gelesen habe.

Leseempfehlung!

© Renie

Freitag, 10. April 2020

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Quelle: Pixabay/Devanath

Der Roman „Das Museum der Welt“ von Christopher Kloeble kommt in einer bescheidenen Aufmachung daher: ein Buchumschlag mit einer schwarz-weißen Illustration, die Schrift auf dem Umschlag in braun und schwarz gehalten. Die Illustration erweist sich bei genauem Hinsehen als Gesicht eines Tigers. Das macht Sinn. Denn schließlich weiß ich, wo die Reise in diesem Buch hingeht - nach Indien. Und der Tiger gilt als das Nationaltier Indiens. Doch darüber hinaus gibt es keinen Hinweis auf das, was mich in diesem Roman erwarten wird: eine Farbexplosion an Eindrücken über eine Forschungsreise (1854 bis 1857) durch Indien, erzählt von einem Kind.
"Wenn man sich tatsächlich zwischen Wahrheit und Schönheit entscheiden muss, was spricht dann eigentlich gegen die Schönheit?"
Es ist die Geschichte des Waisenjungen Bartholomäus, Ich-Erzähler dieses Romans, der zu Beginn der Handlung mindestens 12 Jahre alt ist und in einem Waisenhaus in Bombay aufwächst. Das Heim wird von deutschen Priestern geführt. Einer davon ist Vater Fuchs, der Bartholomäus unter seine Fittiche nimmt. Der Junge ist sprachbegabt. Neben seiner Muttersprache und diversen indischen Dialekten spricht er Deutsch (Vater Fuchs sei Dank) und Englisch.
Zu dieser Zeit hat Großbritannien den indischen Subkontinent kolonialisiert. Dieses gigantische Land ist ein gefundenes Fressen für die britischen Kolonialherren, allen voran die East India Company, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 200 Jahren Handel, Verwaltung und Militär in Indien kontrolliert. Natürlich alles im Namen der britischen Krone.
Im Auftrag der East India Company sollen die deutschen Forscherbrüder Schlagintweit eine Expedition zusammenstellen und den indischen Subkontinent bis in den letzten Winkel (und darüber hinaus) erforschen.
Und hier kommt Bartholomäus ins Spiel, der die Expedition als Übersetzer begleiten soll.

Die Expedition wird insgesamt 3 Jahre dauern. Von den 3 Brüdern Schlagintweit werden nur 2 lebend nach Europa zurückkehren.(Dies ist keine Spoilerei. Denn die Brüder Schlagintweits hat es wirklich gegeben. Genauso wie die Expedition stattgefunden hat. Und genauso, wie es fast jeden Charakter in diesem Roman tatsächlich gegeben hat. Nur Bartholomäus nicht. Der mindestens 12-Jährige mit den unglaublichen Sprachkenntnissen ist der Fantasie des Autors entsprungen.)
"Ich übersetze nicht nur Worte, sondern auch das Land." 
Bartholomäus berichtet also von den Geschehnissen vor und während der Expedition. Der Roman ist dabei in mehrere Teile gegliedert, angefangen in Bombay (Ausgangspunkt der Expedition). Danach folgen Abschnitte, die analog zu den Etappen der Expedition angelegt sind. 
In dem Ich-Erzähler Bartholomäus erlebe ich einen Protagonisten, der über seine Abenteuer und den Alltag der Expedition mit großer Naivität und Unschuld berichtet. Frei nach dem Motto: "Kindermund tut Wahrheit kund" strahlen seine Erzählungen dabei eine Weisheit aus, die mich in philosophische Betrachtungen versinken lässt.
"Robert sagt, vor ihm ist kaum ein Europäer in dieser Region gewesen. Vielleicht, denke ich mir, hat das ja einen Grund. Muss man denn unbedingt dorthin vordringen, wo noch keiner gewesen ist?"
Man mag diesen Roman als Erlebnisbericht zu der Expedition der Schlagintweits ansehen. Doch für mich steckt sehr viel mehr in diesem Buch. Für mich stehen das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen sowie der Kolonialismus im Vordergrund, betrachtet von einem Kind, das in seiner Unvoreingenommenheit und Naivität auf die Irrsinnigkeiten des (damaligen) Umgangs miteinander hinweist.

Dem Autor Christopher Kloeble ist mit "Das Museum der Welt" ein großer Wurf gelungen. Sein Roman steckt von der ersten Seite an voller Überraschungen. Mit der Wahl seines Protagonisten Bartholomäus hat sich Kloeble an eine große Aufgabe herangewagt: Als Erwachsener eine Kinderfigur zu gestalten, die zudem einer fremden Kultur angehört und auch noch Deutsch als Fremdsprache spricht, ist eine Herausforderung, die der Autor mit Bravour gemeistert hat. 
Hinzu kommt, dass sich Bartholomäus auf eine sehr spezielle Art ausdrückt. Seine Wortgewandtheit ist erstaunlich. Dennoch gibt es Momente, in denen er mit seiner Wortwahl vom üblichen deutschen Sprachgebrauch abweicht. Das kann sehr lustig sein. Doch viel bemerkenswerter ist, dass durch diesen speziellen Sprachgebrauch Bartholomäus' Gedanken eine Tiefgründigkeit erhalten, die einem erst beim "Stolpern" über diese Ausdrucksweise bewusst wird. Daher "Lesen - Innehalten - Genießen!" Es lohnt sich.

Fazit:
Ein wundervoller Roman. Christopher Kloeble lässt den Leser die koloniale Welt Indiens durch die Augen eines unvoreingenommenen Kindes betrachten. Und man nimmt dem Autoren diese Sichtweise ab. Der historische Bezug zu den Brüdern Schlagintweits und ihrer Expedition bietet dabei einen hochinteressanten Rahmen. Und wem das noch nicht genug ist, kann dieses Buch auch als Spionageroman lesen. Was für eine Wundertüte von einem Buch!
Leseempfehlung!


© Renie




Sonntag, 8. Dezember 2019

Shobha Rao: Mädchen brennen heller

Quelle: Pixabay/dileepp89
Wer sich mit meinen Rezensionen beschäftigt, weiß, dass ich Bücher liebe, die mich in eine fremde Kultur entführen. Eine dieser Kulturen, die für mich jedoch bis jetzt völlig rätselhaft ist und vermutlich auch bleiben wird, ist die indische Kultur. Das liegt mit Sicherheit nicht an der Qualität der Bücher, die ich über Indien gelesen habe. Ganz im Gegenteil: ich habe schon viele indische Leseschätze entdeckt. Aber das Leben und der Alltag in Indien, der mir hier präsentiert wird, zeigt selten Gemeinsamkeiten mit dem europäischen Leben, also dem Leben wie ich es lebe. Ich schwanke häufig zwischen Faszination über Exotik und gleichzeitig Irritation über Schilderungen, die ich als indische Realität wahrnehme. Einer dieser Romane ist "Mädchen brennen heller" der indischen Autorin Shobha Rao. Man verstehe mich nicht falsch. Dieser Roman ist grandios geschrieben. Ich habe ihn verschlungen. Doch er verdeutlicht mir einmal mehr, dass ich wohl behütet inmitten einer Wohlstandskultur aufgewachsen bin, was man von den Protagonistinnen dieses Romans nicht behaupten kann.
In diesem Debütroman der jungen Autorin, die im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern von Indien nach Amerika ausgewandert ist, geht es um die Geschichte zweier Mädchen, deren Freundschaft den Rahmen für die eigentliche Handlung bildet.
Quelle: Elster und Salis
"Was für Idiotinnen wir doch alle sind. Wir Mädchen. Angst vor den verkehrten Sachen, zur verkehrten Zeit. Angst vor einem verbrannten Gesicht, wenn doch draußen, dort draußen, Feuer auf dich warten, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Männer, die ein Zündholz an deine benzingetränkten Kleider halten. Flammen, Flammen rings um dich, die deine eben erst entstandenen Brüste auffressen, deinen eben erst blutenden Körper. Und Flammenmeere, weit wie die Welt. Die darauf warten, dich zu vernichten, dich zu Asche zu machen - und selbst der Wind, sogar der Wind, meine Kleine, schaut dir beim Brennen zu, will es, weht über dich hinweg und durch dich hindurch. Verstreut dich, weil du ein Mädchen bist und weil du Asche bist." 
"Mädchen brennen heller" ist ein moderner Roman. Er spielt in unserer Zeit. Kaum zu glauben. Denn eigentlich hätte diese Geschichte auch vor eingen Hundert Jahren passieren können.

Eines der Mädchen in diesem Roman ist Purnima, genannt Puri. Sie lebt als Älteste von 5 Geschwistern mit ihrer Familie in einem kleinen indischen Dorf. Die Familie ist arm, der Vater bestreitet den Unterhalt der Familie als Weber. Die Mutter ist vor einiger Zeit verstorben. Daher nimmt Puri die Funktion der Köchin, Putzfrau und Erzieherin der Kleinen im Haushalt ihres Vaters ein. Puri ist mit ihren 16 Jahren schon längst im heiratsfähigen Alter. Daher bietet ein Heiratsvermittler sie auf dem freien Heiratsmarkt zum Verkauf an. Nur dass derjenige, der sie nimmt, nicht für sie bezahlen muss. Nein, der potenzielle Ehemann kriegt nicht nur ein, hoffentlich in jeder Hinsicht williges Frauchen, das für sein Wohlbefinden und das seiner Familie sorgt. Er bekommt auch noch Geld dafür, dass er dem Vater der Braut, die Tochter abnimmt. Denn Frauen sind in diesen Gesellschaftsschichten Indiens eine Belastung. Sie sind wertlos, ein nutzloser Esser zuviel. Ein Vater ist froh, wenn er seine Tochter los ist, was er sich daher etwas kosten lassen muss. Als Ehemann wird mann dafür entschädigt, dass mann dem Schwiegervater die Belastung abnimmt. Und als Frau kommt frau vom Regen in die Traufe. War sie in Vaters Haushalt als Putzfrau und Köchin für Vaters Wohlbefinden zuständig - Misshandlungen inklusive - ist sie jetzt für das Wohlbefinden des Ehemanns und dessen Familie zuständig - ebenfalls Misshandlungen inklusive. Wenn der Vater dann noch seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinem Schwiegersohn nicht nachkommt, läuft es richtig mies für die Frau.
So geschehen bei Puri.
"Da lachte ihr Vater kurz auf. 'So ist das doch mit Mädchen, oder?', sagte er. 'Wann immer sie am Rand von irgendwas stehen, kannst du einfach nicht anders. Du denkst: Ein Stoß. Mehr bräuchte es nicht. Nur ein kleiner Stoß.'"
Doch für Puri lief nicht immer alles schlecht. In der Zeit vor ihrer Eheschließung lernt sie Savita kennen, die kurzzeitig für Puris Vater am Webstuhl arbeitet. Puri und Savita sind ungefähr im gleichen Alter. In kürzester Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen eine zarte Freundschaft. Sie träumen gemeinsam von einem besseren Leben. Denn auch Savita kommt aus einer armen Familie, noch ärmer als die von Puri. Savita ist ganz anders als Puri. Sie ist selbstbewusster, wirkt unabhängiger, ist ein fröhlicher Mensch. Ein Stück weit gelingt es ihr, Puri mit ihrer Lebensfreude anzustecken. Doch der gemeinsame Weg der beiden Mädchen trennt sich nach kurzer Zeit. Sie verlieren sich aus den Augen. Beide werden vom Schicksal gebeutelt. An der Dominanz der Männer in ihrem Leben wird sich nichts ändern. Und wenn man als Leser glaubt, dass die beiden Mädchen bisher in ihrem Leben genug mitgemacht haben, wird man eines Besseren belehrt. Denn schlimmer geht in Indien scheinbar immer.
Die beiden Mädchen schildern ihren Weg unabhängig voneinander. Die Autorin Shobha  Rao widmet große Abschnitte dieses Romans dem jeweiligen Mädchen, in dem es sie erzählen lässt, was das Leben und insbesondere die Männer mit ihr machen. Der Alltag der Mädchen ist von Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung geprägt. In dieser patriarchalischen Gesellschaft ist ihr Leben keinen Pfifferling wert, und das bekommen sie in jeglicher Form zu spüren. Trotz aller Verzweiflung und Mutlosigkeit gibt es jedoch immer wieder den kleinen Funken Hoffnung, der durch die Erinnerung an die Momente der Freundschaft der beiden Mädchen aufblitzt. Man sollte meinen, dass diese Hoffnungsfunken die Mädchen am Leben halten, auch wenn sie keinerlei Kontakt mehr zueinander haben und auch nicht wissen, was aus der anderen geworden ist.
Puri ist diejenige, die die Kraft aufbringt, sich auf die Suche nach ihrer Freundin zu begeben. Eine Aufgabe, die unlösbar erscheint.

Die Hoffnungsschimmer, in Form der Freundschaft der beiden Mädchen machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Denn in dieser Geschichte wird dem Leser stellenweise harter Tobak geboten. Es werden Grausamkeiten geschildert, die fernab jeglicher Vorstellungskraft liegen. Und so, wie die beiden Mädchen diese Situationen, dank der Erinnerung an ihre Freundschaft, überstehen, nimmt man als Leser diese kleinen Momente der Hoffnung dankbar an. Denn sie werden mit einer Poesie geschildert, die sich wie Balsam auf die Leserseele legt.

Der Sprachstil von Shobha Rao ist über weite Strecken sehr gefällig und flüssig. Nichts, was den Leser großartig fordert. Wozu auch? Der Inhalt ist fordernd genug. Aber dennoch gibt es diese kleinen Momente im Text, die magisch sind. Hier ist ein Beispiel:
"Die Frau lächelte zurück. Und da - als die Frau lächelte, ihr winzigen Zähne zeigte, gar nicht groß, aber blendend, Perlen, die strahlendsten Perlen, als wären die Austern, denen sie entstammten, verliebt gewesen ..."
Bei aller Begeisterung für diesen Roman, gibt es doch den einen kleinen Wermuthstropfen: Man weiß leider von Anfang an, wie sich die Geschichte um die beiden Mädchen entwickeln und auf welches Ende dieser Roman hinauslaufen wird. Ich schreibe dies der Unerfahrenheit von Shobha Rao als Romanautorin zu. Der Verlauf der Handlung spricht dafür, dass das Grobgerüst der Geschichte bereits im Vorfeld stand und die Autorin dieses Gerüst anschießend mit Inhalt gefüllt hat. Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Nur als Leser will ich überrascht werden, zumindest sollte die handwerkliche Tätigkeit des Schreibens nicht zu offensichtlich sein. Das ist hier leider der Fall.
Aber Schwamm drüber! Da dieser unglaubliche Roman mich gefesselt und beschäftigt hat, und ich jede Zeile verschlungen habe, bekommt er dennoch von mir eine Höchstwertung.

Leseempfehlung!

© Renie




Mittwoch, 8. Mai 2019

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

Quelle: Unsplash/Mohan Murugesan
"Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein." (Eine Kindheitserinnerung)

Egal, ob Christentum, Judentum oder Islam. In jeder Glaubensrichtung werden Kinder von klein auf an Religion herangeführt.
Es gehört in den meisten Familien zur Erziehung, dass Kinder, sehr früh lernen, dass es einen Gott gibt, der sowohl über die guten als auch die schlechten Menschen richtet. Gute Menschen kommen in den Himmel, böse in die Hölle. Und welches Kind will schon in die Hölle?
In einigen Elternhäusern wird die Religion intensiver gelebt, in anderen werden die Glaubensgrundsätze sehr großzügig ausgelegt. Aber egal wie, Religion ist immer präsent.

In dem Roman "Worauf wir hoffen" von Fatima Farheen Mirza geht es um eine Familie, in welcher Religion sehr intensiv gelebt wird. Die muslimische Familie stammt aus Indien, die Eltern Rafik und Laila sind kurz nach ihrer arrangierten Hochzeit nach Amerika ausgewandert. Hier sind sie ein wichtiger Bestandteil der islamisch-indischen Gemeinde ihrer Stadt geworden. Über die Jahre haben sie zwei Töchter, Hadia und Huda, bekommen. Zum Schluss kam der ersehnte männliche Nachkomme, Amar.

Quelle: dtv
Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Hadia. 
Bereits hier zeichnet sich ab, dass ein Bruch durch die Familie gegangen sein muss. Amar hat vor ein paar Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er folgt jedoch der Einladung seiner Lieblingsschwester Hadia und kommt zu ihrer Hochzeit. 
"Die drei Jahre hatten ihren Bruder verändert, sein Gesicht war ernster geworden: Schatten lagen unter seinen Augen, eine frische Narbe am Kinn gesellte sich zu den alten Narben an Lippe und Augenbraue. Er hielt die Schultern krumm, und sie merkte, dass ihm das Selbstvertrauen abhandengekommen war, als hätte eine selbstgewisse Körperhaltung ebenso zu ihm gehört wie sein gewinnendes Schmunzeln. ... und wieder überfiel sie bei diesem Anblick die alte Furcht: Er versuchte immer noch zu verschwinden."
Dieses Buch beschreibt, wie es zu dem Bruch innerhalb der Familie gekommen ist. Die Erzählperspektiven wechseln zwischen Laila, Hadia und Amar. Huda ist zunächst eine Randfigur, die im Hintergrund wahrgenommen wird, die aber später an Profil gewinnt. Und auch der Vater Rafik ist zwar allzeit präsent, wird aber immer nur aus Sicht der anderen geschildert. Das Bild, das dabei von ihm gezeichnet wird, ist das eines Patriarchen, der Gott gleich über allem herrscht, und den es aus Sicht seiner Kinder zu beeindrucken und stolz zu machen gilt. Nur so verdienen die Kinder seine Liebe.
Dieser befremdliche Umgang mit dem Vater resultiert aus der traditionellen und religiösen Erziehung der Kinder. „Du sollst Vater und Mutter ehren“.
Trotzdem wachsen die 3 Geschwister in einem liebevollen Elternhaus auf, was nicht zuletzt Lailas Verdienst ist. Die Mädchen entwickeln sich, wie es sich für „anständige“ muslimische Frauen gehört. Ihnen wird am Ende die Gratwanderung zwischen ihrer traditionellen Kultur Indiens und der modernen Kultur Amerikas gelingen. Einzig Amar schlägt aus der Art. Von klein auf lässt er sich nicht in die Verhaltensmuster pressen, die man einem muslimischen Jungen auferlegt. Das sorgt für ständiges Konfliktpotenzial, insbesondere zwischen seinem Vater und ihm. Amar kann den Ansprüchen seines Vaters einfach nicht gerecht werden, so sehr er sich auch anstrengt. Irgendwann wird es zum Eklat zwischen Amar und Rafik kommen, woraufhin der Sohn die Familie verlassen wird.
"Sie kennt ihren Vater. Seinen Stolz, seine Werte, sein striktes Befolgen der religiösen Vorschriften. All dies ist ihm wichtiger als die Liebe zu seinen Kindern. Hadia hat immer gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern an Bedingungen geknüpft ist. Für Amar ist das eine Herausforderung, er möchte herausfinden, wie weit er gehen kann, bis sie ihn aufgeben."
Dieser Roman beschreibt die Anfänge der Familie bis hin zum Erwachsenenalter der Kinder. Erzählt wird in Rückblenden, wobei die Erinnerungen von Laila, Rafik und Hadia in nichtchronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Dabei kommt es zu enormen Zeitsprüngen, die das Lesen nicht einfach machen. Gerade zu Beginn eines Kapitels braucht man einige Zeit, um festzustellen, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Es werden die kleinen und großen Geschichten einer Familie erzählt, und welche Auswirkungen diese Geschichten auf die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder haben. Dabei steht das Leben innerhalb von Tradition und Religion im Vordergrund. Zwischenzeitlich muss man sich als Leser in Erinnerung rufen, dass die Geschichte tatsächlich im heutigen Amerika spielt. Denn der amerikanische Alltag findet nicht statt. Die Familie ist in die indische Gemeinde integriert. Die Freunde und Bekannten sind Bestandteil dieser Gemeinde. Und das komplette Gemeindeleben wird von der indischen Tradition bestimmt.

Fazit:
Dieses Buch ist ein sehr berührender Familienroman, der das Familienleben unter dem Einfluss von Religion und Tradition schildert. Er zeigt auf, wie schwierig es ist, zwischen den Traditionen und dem modernen Leben zu bestehen. Dennoch ist gerade die junge Generation, die ein Leben in Indien nie gelebt hat, mit den Traditionen tief verwurzelt. Und die meisten von ihnen schaffen das Kunststück, sowohl Tradition als auch Moderne miteinander in Einklang zu bringen. 
Für mich war dieser Roman so etwas wie ein Aufklärungsroman, gewährt er doch tiefe Einblicke in das muslimische Leben. Da mein Verständnis vom Islam und der damit verbundenen Lebensweise sehr oberflächlich ist, habe ich die Lektüre als echte Bereicherung empfunden.
Leseempfehlung!

© Renie


Dienstag, 29. August 2017

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Quelle: Pixabay / geralt
Das Buch "In Gesellschaft kleiner Bomben" des indisch-stämmigen Autors Karan Mahajan scheint wie eine Bombe eingeschlagen zu haben. Erschienen ist es im letzten Jahr und hat seitdem die Kritiker weggeblasen: 
  • Gewinner des Young Lions Fiction Award 2017 (USA)
  • Gewinner des Rosenthal Family Foundation Award der AAoAL 2017 (USA)
  • Gewinner des Bard Fiction Prize 2017 (USA)
  • Gewinner des Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017 (USA)
  • Gewinner des Muse India Young Writer Award 2016 (Indien)
  • Auf der Shortlist für den National Book Award 2016 (USA)
  • Auf der Shortlist für den Tata Literature Live »Book of the Year« Prize 2016 (Indien)
  • Auf der Longlist für den FT/Oppenheimer Emerging Voices Award 2017 (USA)
  • Eines der 10 besten Bücher 2016 (New York Times)
  • Auf den Jahresbestenlisten von ...."
  • etc., etc., etc.        (Quelle: culturbooks)

Der Titel "In Gesellschaft kleiner Bomben" ist zunächst einmal irritierend, hat er doch etwas Verharmlosendes an sich. Dabei kann von Verharmlosung in diesem eindringlichen Roman nicht die Rede sein. Denn, ob kleine Bombe oder große Bombe ... das Ergebnis ist das Gleiche: Tod, Trauer, Schmerz, Wut, Veränderung.
"'... Ich denke, die kleinen Bomben, von denen wir ständig hören, die auf unbekannten Märkten explodieren, fünf oder sechs Menschen töten, sind schlimmer. Durch sie konzentriert sich der Schmerz auf das Leben einiger weniger. Es ist besser, großzügig zu töten, als dabei zu geizen.'"
Der Roman beginnt mit der Explosion einer Bombe auf einem Markt irgendwo in Indien. Zu den Opfern zählen zwei Kinder, die Söhne der Familie Khurana. Der Leser wird dieses Attentat nicht nur einmal sondern mehrfach erleben: aus Sicht der beiden Brüder, aus Sicht des überlebenden muslimischen Freundes der Brüder, aus Sicht des zuhause wartenden Vaters und aus Sicht des terroristischen Bombenlegers. Mit jeder neuen Sichtweise wird das Entsetzen über diesen Anschlag und seine schrecklichen Konsequenzen für den Leser intensiver.
Nachdem die Bombe gezündet ist, widmet sich die Handlung den Jahren nach dem Attentat, in denen Bomben zum indischen Alltag scheinbar dazugehören. Karan Mahajan liefert dabei Antworten zu den unterschiedlichsten Fragen: 
Wie gehen die Eltern Khurana mit dem Verlust ihrer Kinder um? 
Schweißen Schmerz und Trauer das Elternpaar zusammen, oder entfernen sie sich voneinander? 
Was ist mit dem muslimischen Jungen, der überlebt hat und dessen Eltern? 
Überwiegt die Erleichterung oder das schlechte Gewissen, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen sind? 
Wie geht die muslimische Familie damit um, derjenigen Religion anzugehören, die das Attentat zu verantworten hat?
Wie kommt man mit der Angst zurecht, dass man wiederholt in solch ein schreckliches Ereignis verwickelt wird - was in Indien durchaus im Bereich des Möglichen liegt?
Warum hat ein Terrorist, der etliche Menschen auf dem Gewissen hat, keinerlei Schuldgefühle? 
Und warum kann er seine Karriere als Bombenleger nicht an den Nagel hängen, selbst wenn er erkennt, dass seine kleinen Bomben nicht viel bewirken in seinem Kampf gegen die Ungerechtigkeit?
Fragen über Fragen, mit denen sich Karan Mahajan in seinem Roman befasst und die dem Leser einige Denkanstöße versetzen.
"Später berichteten sämtliche Zeugen, einen alles überstrahlenden Stern gesehen zu haben. Dann folgte eine lange Stille, bevor die Schreie losgingen, als hätten sich die Leute, sogar als sie Schmerzen hatten, erst gegenseitig beobachtet, um herauszufinden, was zu tun sein."
Quelle: Culturbooks
Der Roman ist ein Sammelsurium an Handlungsebenen und Erzählperspektiven. Im Verlauf der Geschichte tauchen immer weitere Charaktere auf, die in irgendeiner Form von dem Attentat betroffen sind - direkt oder indirekt bzw. als Täter oder Opfer. Zeitweise verliert man die einzelnen Charaktere aus den Augen, sie geraten tatsächlich in Vergessenheit. Doch im weiteren Verlauf des Romanes tauchen sie irgendwann wieder auf. Oft nehmen sie dann eine Rolle ein, die fast schon unglaublich ist, z. B. werden Opfer zu Tätern. Der Autor versäumt auch nicht, ein Szenario zu kreieren, das verdeutlicht, wie einfach es doch ist, aus einem durchschnittlichen Leben heraus eine terroristische Karriere einzuschlagen. Im Grunde genommen könnte in jedem von uns terroristisches Potenzial stecken.

"In Gesellschaft kleiner Bombe" ist eine Studie über die indische Gesellschaft. Dass sich diese Gesellschaft nach einem Kastensystem strukturiert, sollte allgemein bekannt sein. Erschreckend ist jedoch, dass ein System, das auf eine viertausendjährige Geschichte zurückblickt und nur geringe Reformen erfahren hat, immer noch in den Köpfen der meisten Inder fest verankert ist. In dem Indien von Karan Mahajan spielt die Herkunft eines Menschen eine wichtige Rolle und entscheidet über sein Ansehen in der Gesellschaft. Ungerechtigkeit und Vorurteile bestimmen das Miteinander der indischen Bevölkerung. In diesem Roman versuchen viele der Charaktere "mehr Schein als Sein" vorzugeben, in der Hoffnung, von einer niederen Herkunft abzulenken. Wenn man dann noch Moslem in einer hinduistischen Gesellschaft ist, wird man bestenfalls noch geduldet, aber niemals anerkannt. Seit den 70er Jahren kommt es zwischen Hindus und Moslems immer wieder zu Ausschreitungen, die leider ihren Höhepunkt im Kaschmirkonflikt 1989 gefunden haben und immer noch anhalten - mal mehr, mal weniger heftig. Mittlerweile sind über 29000 Zivilisten in diesem Konflikt getötet worden. Der Konflikt zwischen Moslems und Hindus ist ein Politikum, das insbesondere in Zeiten eines indischen Wahlkampfes gern instrumentalisiert wird.
"... - ja, er hasste den Regierungschef, weil er das Schlimmste der Hindus repräsentierte, den Glauben an ihre eigene Unverwundbarkeit, der immer dann aufkam, wenn es ihnen gut ging, wenn sie schnelles Geld machten, ein Glaube, dass man mit allem durchkam, solange man Geld hatte."
Während ich dies schreibe, wird mir wieder einmal bewusst, wie vielschichtig dieser Roman doch ist. Je intensiver man sich mit der Geschichte beschäftigt, umso mehr Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen kristallisieren sich heraus. Die bisher von mir angesprochenen Aspekte sind tatsächlich nur ein Teil dessen, was dieser Roman zu bieten hat.

Nicht vergessen möchte ich den Sprachstil von Karan Mahajan. Der Autor ist ein Freund schwelgerischer Vergleiche. Dadurch schafft er Bilder, die das Kopfkino des Lesers auf Hochtouren laufen lässt. Die Bilder, die sich dabei auftun, können sehr verstörend und intensiv sein, denn Karan Mahajan beschönigt nichts. Ganz im Gegenteil. Seine bildhaften Vergleiche und Metaphern tragen dazu bei, dass man ein ohnehin schon bedrückendes Szenario als noch hässlicher empfinden kann.
"Menschen drückten und drängten, während die Züge durch ihre Strecken aus Scheiße und Pisse rasten, Plastik und Gummi hinter sich eigentümlich verbrannten und damit die Luft würzten. Der Bahnhof war so aufgebläht mit Menschen, dass der Verlust einiger kaum tragisch oder gar wichtig wäre."
Fazit:
Wenn es nach der New York Times geht, gehört dieser Roman zu den 10 Besten in 2016. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Urteil soweit gehen würde. Eines ist jedoch klar. Dieser Roman wird mich noch lange Zeit beschäftigen. Es ist kein Lesestoff, den man einfach beenden wird und zum nächsten Buch übergehen wird. Dafür liefert Karan Mahajan zu viele Denkanstöße, die es zu verarbeiten gilt. Ein Roman, den ich deshalb sehr gern weiterempfehle!

© Renie



Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der »Best Young American Novelists« 2017. Sein erster Roman, »Family Planning« (»Das Universum der Familie Ahuja«), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers.

»In Gesellschaft kleiner Bomben« stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017 (Quelle: Culturbooks)

Montag, 3. Oktober 2016

Shumona Sinha: Kalkutta

Shumona Sinha ist eine indisch-französische Schriftstellerin und Dolmetscherin, die für ihren Roman "Erschlagt die Armen!" den diesjährigen Internationalen Literaturpreis gewonnen hat. Ihre schriftstellerischen Anfänge hat sie in ihrer Heimat Bengalen gefunden, wo sie bereits als 17-Jährige große Beachtung gefunden hat. Seit 2001 lebt sie in Frankreich. Das  hier vorliegende Buch Kalkutta ist ihr dritter Roman, der bereits vor 2 Jahren von der renommierten Academie Française prämiert worden ist. 
Quelle: Edition Nautilus

Klappentext:
Nach vielen Jahren in Frankreich kehrt Trisha anlässlich der Einäscherung ihres geliebten Vaters zurück in ihre Geburtsstadt Kalkutta. Im verlassenen Haus der Familie, in dem sie aufgewachsen ist, schicken die Möbel und vertrauten Gegenstände aus alten Tagen ihre Gedanken auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Da ist zum Beispiel die rote Steppdecke, die sie nicht nur an die Hausierer erinnert, die solche Decken anfertigten, sondern auch daran, wie sie eines Nachts ihren Vater dabei beobachtete, wie er in ebendieser aufgerollten Decke einen Revolver versteckte. Oder das kleine Fläschchen mit Hibiskusöl, mit dem man ihrer Mutter Urmila die Kopfhaut massierte, wenn diese wieder einmal von schwerer Melancholie überwältigt wurde. Indem Trisha sich in die Kratzer und Risse dieser Objekte, der Möbel, des Hauses versenkt, ersteht die Vergangenheit mehrerer Generationen einer Familie wieder auf, und damit auch die kollektive, politische Vergangenheit Westbengalens – von der britischen Kolonialzeit bis zur jahrzehntelangen kommunistischen Regierung seit den späten 1970er Jahren.

Kalkutta ist ein politischer Roman. 
Ich gebe zu, ich habe mich nie sonderlich mit der Historie Indiens befasst. Die Romane, die ich bisher zu diesem Land gelesen habe, bezogen sich hauptsächlich auf die Kolonialzeit bzw. die Zeit davor. Insofern ist die Zeit, in der der Roman hauptsächlich spielt (70er Jahre und später) für mich absolutes politisches Neuland. Daher habe ich die Informationen, die Shumona Sinha über den Alltag und die politische Landschaft Indiens und Bengalens vermittelt, förmlich aufgesogen. Eines wird dabei deutlich. In den 70er Jahren waren viele politisch engagiert und verteidigten dabei ihre politischen Ansichten mit einer Vehemenz, die  an Fanatismus grenzte. Wer sich mit Politik beschäftigte, riskierte seine Gesundheit.   Gegner unterschiedlicher politischer Lager gingen nicht zimperlich miteinander um. Shumona Sinhas Darstellung des politischen Alltags ist dabei völlig ungeschönt und macht deutlich, dass dieser Alltag von Angst und Gewalt geprägt war.
"In diesem Jahr 1975 war das Land im Ausnahmezustand. Die größte Demokratie der Welt wurde nun von Indira Gandhi regiert, der indischen Eisernen Lady, die auf ihren Vater Jawaharlal Nehru gefolgt war. ... Ihre Hand löschte Opponenten aus, ihr Machthunger war nicht zu stillen. Sie manipulierte den damaligen Präsidenten und brachte ihn dazu, Notstandsgesetze ohne die Zustimmung des Parlaments zu erlassen, was ihr ermöglichte, durch Verordnungen zu regieren. In Westbengalen, in Kalkutta und den benachbarten Städten wurden Shankhyas Genossen verhaftet und ermordet. Den Überlebenden brach man das Rückgrat, ein Bein oder einen Arm, man riss ihnen ein Auge aus, nahm ihnen auch  den letzten Rest Mut und Willen. Man ermordete Männer, um den kollektiven Traum eines ganzen Volks auszulöschen." (S. 69 f.)
Im Mittelpunkt dieses Romanes stehen die Erinnerungen Trishas an ihre Eltern und ihre Großmutter. Der Vater Shankhya war zeitlebens Professor an der Uni. In jungen Jahren engagierte er sich für die Kommunistische Partei in Bengalen. Als er erkannte, dass die hehren Ziele, die er einst mit seiner Partei verfolgt hatte, dem Streben nach Macht geopfert wurden, zog er sich aus der Politik zurück.
Trishas Mutter war depressiv. Die Krankheit hatte sie fest im Griff. Dieser Zustand war eine dauerhafte Belastung für die ganze Familie.
Die Großmutter lebte bei der Familie. Shankhya war ihr Sohn. Die Großmutter konnte nicht viel mit dem modernen Indien anfangen. Zu tief war sie mit Religion und Tradition verwurzelt. Dass sie bei ihrem Sohn lebte, sorgte häufig für Spannung, da er jemand war, der zum Atheismus neigte.
Trisha wuchs also mit den modernen Ansichten ihres Vaters und dem Traditionsdenken ihrer Großmutter auf. Mehr erfährt man allerdings nicht über Trisha. Und dies ist der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem Roman habe. Als Leser erhält man keinen Zugang zu Trisha. Mit ihrem Eintreffen in Kalkutta zur Einäscherung ihres Vaters erfährt man, dass sie in den letzten Jahren in Frankreich gelebt hat. Was sie dazu bewogen hat, ihre Heimat Indien zu verlassen, und wann sie sie verlassen hat, bleibt unbekannt. Es gibt Andeutungen, die jedoch nicht weiter verfolgt werden. Insofern tritt Trisha im weiteren Verlauf der Geschichte nahezu völlig in den Hintergrund. Stattdessen nehmen die Personen, an die sie zurückdenkt - Vater, Mutter, Großmutter - immer mehr Raum ein. Am Ende bleibt nur die Spekulation, dass die Autorin verdeutlichen will, welchen Einflüssen Trisha in ihrer Kindheit unterworfen war und sie geprägt haben. Nur welcher Mensch aus Trisha geworden ist, bleibt unklar.
"Mehr als einmal war er am Grabstein des Glaubens abgeprallt, unter dem das rationale Denken und die wissenschaftliche Herangehensweise seit Langem begraben lagen. Seine Partei war gescheitert und Shankhya kam zu dem Schluss, dass die revolutionäre Ideologie nur ein fliegender Teppich gewesen war, der über dem indischen Subkontinent schwebte, während es den Millionen von Menschen völlig gleichgültig war, sie überlebten beschwerlich, schlugen Wurzeln und hatten Träume, die in die Glücksbringer um ihren Hals passten, bedeutungslos, lächerlich und vor allem ungefährlich." (S. 147)
Was mich völlig fasziniert hat und allein schon Grund genug ist, diesen Roman zu lesen, ist die facettenreiche Sprache von Shumona Sinha.
Anfangs hat mich ihr Sprachstil sogar ein wenig verstört. Er kommt sehr kraftvoll rüber, ohne zu beschönigen. Ähnlich wie es Trisha ergeht, als sie am Flughafen von Kalkutta ankommt und sich völlig fremd und verloren fühlt, empfindet auch der Leser. Er wird in ein Indien versetzt, dass herzlich wenig mit dem romantischen Bild zu tun hat, welches einem von Reiseprospekten immer gern entgegen prangt. Den Leser erwartet zunächst Lärm, Schmutz und Chaos. Nur ganz langsam gelingt es, sich mit dem Szenario anzufreunden und zu akklimatisieren.
Durch Trishas Erinnerungen an ihre Kindheit, lernt der Leser langsam ein Indien kennen, das faszinieren, aber gleichzeitig auch erschüttern kann. Shumona Sinhas Sprache ist dabei mal gefühlvoll, mal farbenfroh, mal poetisch. Als Leser lässt man sich gern von diesem Sprachstil gefangen nehmen.

Fazit:
Wer sich für fremde Kulturen interessiert und dabei Spaß an besonderer Sprache hat, ist bei diesem Buch gut aufgehoben. Mit ihrer facettenreichen Sprache vermittelt Shumona Sinha ein faszinierendes Bild von einem Land, das zwischen Tradition und Moderne sowie Politik und Religion hin- und hergerissen wird. 
Leseempfehlung!

© Renie


Kalkutta von Shumona Sinha, erschienen im August 2016 in der Edition Nautilus