Posts mit dem Label Finnland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Finnland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 9. Juni 2017

Petteri Nuottimäki: Rechne immer mit dem Schlimmsten

Quelle: Pixabay/toubibe
 "Es gibt nicht einen einzigen Grund, warum man nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen sollte!" (S. 52)

Dies ist einer der Grundsätze von Matti Aalto, der in den 60er Jahren von Finnland nach Schweden auswandert. Matti ist ein Mann der Prinzipien: falle niemandem zur Last; bleibe unauffällig; du hast dein Schicksal selbst in der Hand; sieh zu, dass etwas aus dir wird, am besten Kraft deiner eigenen Hände Arbeit; und rechne natürlich immer mit dem Schlimmsten.

Nach diesen Prinzipien hat Matti sein bisheriges Leben und das seiner Familie gestaltet. Matti ist gebürtiger Finne. Den 2. Weltkrieg erlebt er als Soldat der finnischen Armee. Dank seines Prinzips "Bleibe unauffällig", gelingt es ihm, den Krieg unbeschadet zu überstehen. Mit der Familie kommt auch die Verantwortung für andere. Finnland war damals kein Land, in dem sich viele Chancen boten. Daher entscheidet sich Matti für eine Auswanderung nach Schweden. Zunächst siedelt er mit Ehefrau Beata allein in das Nachbarland, um die Lage zu sondieren. Seine Kinder, die Zwillinge Raimo und Risto, lässt er bei seinem Bruder zurück, um sie später nachzuholen. Nachgeholt wird jedoch nur einer - Raimo, den Risto verunglückt in der Obhut des Onkels. Seltsamerweise lässt dieser Schicksalsschlag Matti unberührt - so scheint es zumindest. Er baut sich und seiner Familie ein Leben in Schweden auf, kraft seiner eigenen Hände Arbeit, ohne jemandem zur Last zu fallen und möglichst unauffällig - sofern man ein Unternehmen, das Raubinsekten züchtet, als unauffällig bezeichnen kann. Die Familie gelangt zu Wohlstand. Mittlerweile sind 2 weitere Kinder dazugekommen: Elena und Antti.

Quelle: HarperCollins
Das Verhältnis, das Matti zu seinen 3 Kindern hat, ist nicht gerade herzlich. Matti ist ein Patriarch, dem daran gelegen ist, seine Prinzipien und Lebensweisheiten an seine Kinder weiter zu geben. Kindererziehung hat bei ihm etwas mit Aufzucht zu tun: Seine Kinder sollen zu unauffälligen und eigenständigen Personen heran gezüchtet werden, die in der Lage sind, auf eigenen Füßen zu stehen und Erfolg zu haben. Solange die Kinder klein sind, lassen sie sich noch von Papas Predigten beeindrucken. Doch je älter sie werden, umso gleichgültiger werden sie Matti gegenüber.

Matti sorgt sich um sein Vermächtnis. Was geschieht mit seinem Insekten-Unternehmen, wenn er mal nicht mehr ist? In bester Tradition soll eines der Kinder in Mattis Fußstapfen treten. Nur wer? Wer erweist sich als würdig, sein Erbe anzutreten? Das soll in einem finanziellen Wettbewerb ausgetragen werden. Jedem seiner Kinder stellt der Patriarch eine größere Geldsumme zur Verfügung. Anhand eines eigenen Geschäftsmodell soll diese Geldsumme vermehrt werden. Produktive Kreativität ist gefragt. Gewinner und damit Träger des Vermächtnisses wird dasjenige Kind sein, welches den größten Gewinn erzielt. Nur leider machen ihm die Kinder einen Strich durch die Rechnung. Irgendetwas scheint Matti bei ihrer Erziehung falsch gemacht zu haben.
"Irgendwie argwöhnte er immer, dass seine Worte einfach an seinen Kindern abprallten. Sie hatten so einen leeren, unergründlichen Blick entwickelt. Drang er noch zu ihnen durch? War es überhaupt möglich, zu so einem Wesen durchzudringen? Als er jung war, hatte es das Konzept 'Teenager' noch gar nicht gegeben, deswegen war es schwer zu sagen. Damals war man entweder ein Kind oder ein Erwachsener, nicht diese mystische Kreatur." (S. 89)
.
Der Titel des Romans "Rechne immer mit dem Schlimmsten" deutet darauf hin: dieses Buch ist lustig. Schon nach den ersten Seiten, hat mich der Autor gehabt. Man sollte meinen, dass Petteri Nuottimaki die finnisch/schwedische Antwort auf John Irving ist, den ich sehr schätze. Ich fühlte mich oft an den amerikanischen Autor erinnert: der gleiche Humor und die gleiche Vorliebe für skurrile Typen.
Und Matti ist skurril, anders kann man ihn nicht bezeichnen. Es ist einfach zu herrlich, wie er getreu seiner Prinzipien lebt und jeden verabscheut, der sich ein anderes Lebensmodell ausgewählt hat. Er zeigt da kein bisschen Toleranz gegenüber anderer Lebensformen, ganz im Gegenteil. Wie gut, dass es seine bessere Hälfte Beata gibt, die gelernt hat, mit stoischer Gelassenheit auf die Stimmungen ihres Mannes zu reagieren. 

Aus den Kindern ist nicht das geworden, was sich Matti erhofft hat. Keines zeigt Mattis Spirit. Der Autor Petteri Nuottimäki präsentiert dem Leser ein ausführliches Bild des (fast) erwachsenen Nachwuchses, in dem er sie in einzelnen Textpassagen beschreibt: 
Raimo verkörpert den Loser in der Familie - spielsüchtig, verschuldet, ständig auf der Suche nach lukrativen "Geschäften" (meistens illegal), um sich seine Gläubiger vom Hals zu halten. Er hält sich für ein schlaues Kerlchen, ist er aber nicht.
Elena scheint die geschäftstüchtigste von allen zu sein, versucht sich eine Existenz aufzubauen. Leider verliebt sie sich in die falschen Typen.
Der Jüngste, Antti, ist ein Träumer. Mit Null Selbstbewusstsein und überängstlich steht er sich meistens selbst im Weg. Er interessiert sich eher für Schriftstellerei als für einen Business Plan, wodurch er nicht viel Anerkennung bei seinem Vater erntet.
"Matti war ein bisschen wie die Eltern, die ihren Kindern das Schwimmen beibringen wollen, indem sie sie am tiefen Ende ins Becken schubsen. Manchmal funktioniert's. Manchmal nicht. In diesem Fall waren sie untergegangen wie die Steine." (S. 226)
Es war für mich ein Genuss, die Charakterköpfe der Familie Aalto kennenzulernen. Trotzdem habe ich mich im Verlauf der Geschichte gefragt, wie Petteri Nuottimäki die Handlung seines Romanes zum Abschluss bringen wird. Denn alles deutet darauf hin, dass Matti am Ende auf seinem Vermächtnis sitzen bleibt .... das dachte ich zumindest. Doch der Autor hatte tatsächlich noch ein As im Ärmel, indem er mit einem spektakulären Ende aufwartet. Dieses Ende hat mich völlig überrascht. Fast höre ich Matti sagen: "Rechne immer mit dem Schlimmsten!" Aber mit dem, was sich hier offenbart, war einfach nicht zu rechnen. Das ist großes Kino!

Fazit:
Petteri Nuottimäki hat mich mit seinem Roman bestens unterhalten. Sein Stil erinnert an die Bücher von John Irving: der gleiche Humor und die gleiche Vorliebe für skurrile Charaktere. "Rechne immer mit dem Schlimmsten" ist Nuottimäkis Debutroman und lässt auf weitere Bücher von ihm hoffen.

© Renie




ISBN: 9783959670869





Mittwoch, 29. Juli 2015

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki



Mein erster Murakami - gelesen mit Mira!

Nachdem meine Lesefreundin Mira schon etliche Bücher Murakami's gelesen hatte und völlig begeistert war, habe ich mir gesagt, ok, versuche ich es auch mal mit ihm.  Zufällig kannte Mira dieses Buch noch nicht, so dass wir uns entschieden haben, es gemeinsam zu lesen und uns später darüber auszutauschen.
Mir, dem "Murakami-Anfänger", hat dieses Buch sehr gut gefallen. Bei Mira, dem "Murakami-Profi", hat dieser Roman nicht ganz so gut abgeschnitten. Ich konnte "unbelastet" an das Buch herangehen, da ich keine Vergleichsmöglichkeiten hatte. Vieles war für mich neu, was Mira bereits in anderen Romanen von Murakami entdeckt hat und daher anders empfunden hat.
Ich habe dieses Buch staunend gelesen und es wird nicht mein letzter Murakami gewesen sein. Mira legt jetzt erst einmal eine Murakami-Pause ein. Hier geht es zu Mira's Buchbesprechung.

Und hier ist meine Meinung zu dem Buch:

Im Alter von 20 Jahren empfindet sich Tsukuru Tazaki selbst als Mittelmaß. Er hat keine nennenswerten Hobbies oder besondere Fähigkeiten. Seine Erscheinung ist langweilig, er 
"errötete häufig, war ungewandt im gesellschaftlichen Umgang und aufgeregt, wenn er jemandem zum erstem Mal begegnete" (S. 16).
Alles in allem: Tsukuru ist farblos.

Umso mehr genießt er die Freundschaft zu vier Gleichaltrigen - 2 Jungen und 2 Mädchen. Die Fünf bilden eine verschworene Gemeinschaft, die von Harmonie geprägt ist.
Doch irgendetwas passiert. Seine Freunde verstoßen Tsukuru aus ihrer Gemeinschaft. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Er wird lange brauchen, um sich von diesem Schlag zu erholen. Jahre später lernt er Sara kennen, die ihm mit der Zeit immer wichtiger wird. Sie ermutigt ihn, sich der Vergangenheit zu stellen und heraus zu finden, warum die Freunde sich damals von ihm abgewandt haben. 
"'Zum ersten Mal in meinem Leben verweigerte jemand so radikal den Umgang mit mir', sagte Tsukuru. 'Noch dazu meine vier besten Freunde, denen ich mehr vertraute als jedem anderen und die mir so nah waren, als wären sie ein Teil von mir. Mein Schock war so groß, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich war völlig außerstande, der Ursache oder einem möglichen Missverständnis nachzugehen. Es war, als wäre etwas in mir durchtrennt worden.'" (S. 36)
Der Sprachstil Murakami's ist sehr speziell. Er ist ein Meister der Metaphern und Doppeldeutigkeiten. Es macht Spaß, seinen Gedankengängen zu folgen und bei einigen Passagen zu verharren, um die Zweideutigkeit auf sich wirken zu lassen.
Ich hoffe, dass dies eine Eigenart ist, die sich auch in anderen Büchern Murakami's wiederfindet.
"'... es war, als hätte man mich plötzlich nachts vom Deck eines Schiffes ins eiskalte Meer geworfen.... In der Situation weißt du nicht, ob du gestoßen wurdest oder gefallen bist. Das Schiff fährt weiter, und du siehst aus dem kalten, dunklen Wasser zu, wie die Lichter auf Deck sich immer mehr entfernen. Keiner auf dem Schiff, weder ein Passagier noch die Mannschaft, weiß, dass du ins Meer gefallen bist. Es gibt nichts, woran du dich festhalten könntest. Noch heute verspüre ich manchmal die Panik von damals. Die Angst davor, dass meine Existenz abgelehnt wird und ich allein ins nächtliche Meer geschleudert werde, ohne zu wissen, was ich getan habe" (S. 251)
Es gibt aber auch Stellen in dem Buch, die ich nicht verstanden habe. Murakami lässt z. B. Tsukuru träumen oder lässt Tsukuru's späteren Freund Haida eine Geschichte erzählen. Tsukuru's Träume konnte ich noch größtenteils mit der Handlung in Einklang bringen. Bei der Geschichte des Freundes ist es mir nicht gelungen - obwohl die Geschichte für sich genommen sehr originell ist.
(Und hier konnte ich von der Murakami-Erfahrung von Mira profitieren. Sie erklärte mir, dass Murakami mit unterschiedlichen Welten arbeitet: die reale und eine fiktive Parallelwelt. Viele Geschichten, die er einbaut, haben für den Verlauf der eigentlichen Handlung nicht unbedingt eine Bedeutung.) 


Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
erhältlich bei Fischers Bücherstube

Im Verlauf der Handlung eröffnen sich unterschiedliche Möglichkeiten, die den Leser dazu bringen, über das Ende zu spekulieren. Aber meistens kommt es anders als man denkt.  Als ich die letzten Seite gelesen habe, war  ich zunächst ratlos und auch ein wenig enttäuscht. Denn das Ende hat bei mir viele Fragezeichen hinterlassen. Ich musste nochmal eine Nacht darüber schlafen, bis ich mich mit dem Ende arrangiert habe. Doch das gehört für mich auch zu einem guten Buch: nicht "einfach Buch zuklappen und das war's" sondern sich mit dem Gelesenen auch im Nachhinein gedanklich zu beschäftigen. Und hier bin ich bei Murakami voll auf meine Kosten gekommen.

© Renie


Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Autor: Haruki Marukami
DuMont Buchverlag, Köln
ISBN 978-3-8321-9748-3