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Sonntag, 9. August 2020

Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

Es gibt unzählige zuckersüße und klebrige Sprüche zum Thema "Mutterliebe". Hier sind einige davon
"Die Tochter einer guten Mutter wird die Mutter einer guten Tochter" .... "Die Liebe zwischen Mutter und Tochter ist für immer" ... "Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe, und das ist die der Mutter für ihr Kind" (Georg Moritz Ebers) ... "Die höchste und tiefste Liebe ist die Mutterliebe" (Ludwig Feuerbach)

Zuviel Zucker ist ungesund. Und auch Mutterliebe kann ungesund sein, wie der Debüt-Roman "Mutters Puppenspiel" von Ulla Coulin-Riegger eindrucksvoll verdeutlicht.

Diejenige, welche unter der Liebe ihrer Mutter zu leiden hat, ist Ich-Erzählerin Lisette, 38 Jahre alt, HNO-Ärztin mit gut gehender Praxis und Single. Jeden Sonntagnachmittag besucht sie ihre Mutter, Frau Dornbusch, die seit ein paar Jahren Witwe ist. Einmal Kind, immer Kind. Auch wenn Lisette mitten im Leben steht, übernimmt sie zwanghaft die Rolle der unmündigen und unselbständigen Tochter, die Frau Dornbusch immer in ihr gesehen hat. Eine Tochter, die ihre Karriere der aufopfernden Erziehung ihrer Eltern, insbesondere ihrer Mutter zu verdanken hat. Eine Tochter, die niemals die Ansprüche ihrer Mutter erfüllen kann. Denn alles, was sie anpackt, kann nur zum Scheitern verurteilt sein. Frau Dornbusch hat sich mit dieser Einstellung gegenüber ihrer Tochter nie zurückgehalten. Dennoch hat sie ihrer Tochter von klein auf beigebracht, für Mutter da zu sein, sich um sie zu kümmern und zu ehren. Und das fordert sie immer noch ein. Kein Wunder. Denn Frau Dornbusch ist ein zutiefst narzisstischer Mensch, der sich und seine Befindlichkeiten immer in den Mittelpunkt stellt, ungeachtet der Probleme anderer, also auch diejenigen ihrer Tochter. Und Probleme hat ihre Tochter mehr als genug. 
"Mutter erträgt mein Glück nicht, auch nicht meinen Erfolg, sie konnte es einfach nicht zulassen, immer war sie die Schönere, die Intelligentere, die Praktischere, die Fleißigere, diejenige, die mehr liebte und ganz selbstlos geliebt wurde. Nicht einmal mit inzwischen achtundreißig Jahren habe ich es geschafft, aus ihrem Schatten zu treten Meine Schultern bleiben hochgezogen in ihrer Nähe. So und nur so duldet sie mich. Dort, hinter sich."
Das Leben von Lisette ist ein Balanceakt zwischen einer eigenständigen erwachsenen Frau und einer Tochter voller Versagensängste, die sie dank ihrer Mutter mit sich herumträgt. Erst als Lisette sich verliebt, gelingt ihr langsam, sich mit dem übergroßen Einfluss, den ihre Mutter auf sie hat, zu arrangieren. Natürlich ist dieser Weg der Befreiung ein sehr steiniger, der Lisette einiges abverlangen wird. 

Die Autorin Ulla Coulin-Riegger, die seit vielen Jahren als Verhaltens- und Familientherapeutin arbeitet, konzentriert sich in ihrem Buch auf eine Zeitspanne, die einen Wendepunkt in Lisettes bisherigem Leben darstellt. Zu Beginn des Romans verschafft sie einen Eindruck des Miteinanders von Mutter und Tochter. Schnell wird deutlich, um welches Kaliber es sich bei Frau Dornbusch handelt. Die Tochter hat die Verhaltensweisen und Eskapaden der Mutter durchschaut. Vermutlich war ihr schon in jungen Jahren bewusst, welch ein Mensch ihre Mutter ist. Das beweisen zumindest Lisettes Kindheitserinnerungen, die in die Handlung einfließen. Dennoch kann sie sich nicht vom Einfluss der Mutter befreien. Im weiteren Verlauf der Handlung tritt die Mutter scheinbar in den Hintergrund. Die Geschichte konzentriert sich auf die Höhen und Tiefen der Liebesbeziehung von Lisette zu einem verheirateten Mann. In Lisette findet ein innerer Kampf statt, an dem der Einfluss der Mutter natürlich einen großen Anteil hat. Sie fühlt sich zerrissen zwischen ihrem Anspruch auf Glück und ihren Schuldgefühlen gegenüber der Ehefrau des Mannes. 

Neben dem sehr speziellen Mutter-Tochter-Verhältnis greift die Autorin einen Gedanken auf, den es eigentlich in der heutigen Zeit nicht mehr geben dürfte, der aber leider immer noch weit verbreitet ist. Insbesondere Frauen der Generation von Frau Dornbusch lebten nach einem fragwürdigen Rollenkodex. Diesen Kodex hat auch Lisette dank ihrer speziellen Erziehung verinnerlicht: die oberste Aufgabe einer Frau ist es, dem Mann Kinder zu gebären. Eine Frau definiert sich demnach ausschließlich über die Mutterrolle.
"Mutter hat mich gelehrt: eine Frau ist zuallererst eine Gebärende, eine Nährende und eine Sorgende, sofern sie denn keine Schlange oder ein Flittchen ist."
Das ist natürlich harter Tobak für die moderne weibliche Leserschaft. Unweigerlich wird es bei diesem Buch zu dem einen oder anderen Aufschrei der Empörung kommen. Man möchte die Protagonistinnen schütteln - die Eine, wegen ihrer schädlichen Mutterschaft und ihrem antiquierten Frauenverständnis; die Andere, weil sie sich nie zur Wehr gesetzt hat und immer das Spiel ihrer Mutter gespielt hat.
Der Name dieses Romans ist daher Programm: In "Mutters Puppenspiel" zog und zieht Frau Dornbusch die Fäden und Puppe Lisette bewegt sich durch das Leben wie Mutter es gefällt. Nur, dass sich zum Ende des Romans die Fäden lockern. Und das ist gut so. 
Denn "Mutters Puppenspiel" ist ein schmerzvoller und aufwühlender Roman. Da braucht es schon ein kleinen Hoffnungsschimmer zum Schluss, den man als Leser dankbar entgegen nimmt.
Dieser Roman wird insbesondere für weibliche Leser erhebliche Nachwirkungen haben. Es wird wohl nur wenige geben, welche die eigene Einstellung zur Rolle einer Mutter, Tochter und Frau nach der Lektüre dieses Romans nicht auf den Prüfstand stellen werden. 

Beenden möchte ich daher meine Besprechung dieses beeindruckenden Romandebüts mit folgendem Ausspruch der Autorin:
"Schreiben bedeutet für mich einige Schritte von mir selbst und anderen zurückzutreten, um aus dieser Distanz heraus einen freien Blick auf menschliche Verstrickungen und Abhängigkeiten zu wagen. Schreibend versuche ich zu verstehen, anzunehmen und dabei vielleicht das goldene Tor zur Selbstliebe und Selbstachtung für mich und meine Leser aufzustoßen."
Frau Coulin-Riegger, dieser Versuch ist ihnen definitiv gelungen!

Leseempfehlung!

© Renie