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Freitag, 9. Februar 2018

H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau



Quelle: Pixabay/Free-Photos
Der Plot "Held landet auf einsamer Insel" ist ein Evergreen. Was früher bei Daniel Dafoe mit seinem "Robinson Crusoe" gezogen hat, zieht auch heute noch. Ich denke da z. B. an Tom Hanks und Volleyball Wilson in "Cast away - Verschollen). Die Vorstellung, auf einer einsamen Insel zu stranden, ist schon unheimlich genug. Aber was ist, wenn sich die Insel doch nicht als so einsam erweist, wie angenommen.

Als Edward Prendick, der Protagonist des erstmalig 1896 veröffentlichten Romans "Die Insel des Dr. Moreau" von H. G. Wells auf besagter Insel landet, ist er zunächst nicht allein. Das Schiff, mit dem er unterwegs war, hat Schiffbruch erlitten. Mit zwei weiteren Passagieren dümpelt er zunächst in einem Rettungsboot tagelang über den Ozean, natürlich knapp bei Wasser und Lebensmitteln. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen, so dass Edward am Ende allein von einem Frachtschiff aufgegabelt wird - mehr tot als lebendig. Montgomery, ein Passagier dieses Frachters, päppelt ihn wieder einigermaßen auf. Das Frachtschiff soll Montgomery, dessen seltsamen Diener sowie diversem Viehzeug auf Dr. Moreaus Insel absetzen. Diese Insel liegt fernab jeglicher Schiffsroute. Montgomery und der ewig betrunkene Kapitän des Frachters sind sich nicht ganz grün. Des Kapitäns Aversion gegen Montgomery richtet sich auch gegen Edward. Als das Schiff vor der Insel ankert, gehen nicht nur Montgomery und Anhang von Bord. Auch Edward wird genötigt, das Schiff zu verlassen.
Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
"Einiges ertrug ich nur schwer, obgleich ich ein Mann von mildem Temperament bin. Aber auf jeden Fall hatte ich, als ich dem Kapitän Einhalt gebot, vergessen, daß ich nur ein Stück menschlichen Strandguts war, von meinen Hilfsquellen abgeschnitten, mit unbezahlter Passage, nichts als ein Obdachloser, der von der Güte - oder dem spekulativen Unternehmungsgeist des Schiffseigners - abhängig war. Er erinnerte mich mit beträchtlichem Nachdruck daran." (S. 32)
So landet Edward unfreiwillig auf dieser Insel, bewohnt von Dr. Moreau, Montgomery sowie diversen unheimlichen Kreaturen. Dr. Moreau hat etwas zu verbergen, das definitiv mit diesen Wesen  zusammenhängt. Tatsächlich erweisen sich diese Kreaturen als Ergebnis von Dr. Moreaus Experimenten: es sind Tiere, die etwas Menschliches an sich haben? Oder Menschen, die etwas Tierisches an sich haben? Erst mit der Zeit gibt der fanatische Dr. Moreau das Geheimnis um seine Experimente und seine Motivation Preis.

Da hängt der arme Edward nun auf dieser Insel fest. Die Kreaturen sind ihm nicht geheuer, und den Menschen traut er auch nicht. Natürlich wird die Situation am Ende eskalieren.

"Die Insel des Dr. Moreau" ist vielen als Klassiker ein Begriff. Es gibt Klassiker, die verlangen dem Leser einiges ab, oft ziehen sich die Geschichten durch einen schwer lesbaren Sprachstil wie Kaugummi. Und dann gibt es Klassiker, denen merkt man die Jährchen, die sie bereits auf dem Buckel haben, nicht an. Sprachlich unterscheiden sie sich in nichts von Büchern aus der heutigen Zeit. Für mich gehört "Die Insel des Dr. Moreau" definitiv zur letzten Kategorie. Die Geschichte liest sich weg wie nichts. Und vom Anfang bis zum Ende durchzieht diese Geschichte ein leichter Grusel. Das beschriebene Szenario ist unheimlich. H. G. Wells schmückt seine Beschreibungen dabei sehr farbenfroh aus, so dass der eigenen Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind.
"Er war tot; und gerade als er starb, tauchte der Rand der Sonne weißglühend im Osten über der Bucht auf, schleuderte Strahlen über den Himmel und verwandelte das dunkle Meer in einen wogenden Aufruhr blendenden Lichts. Wie eine Glorie umgaben die Strahlen das eingefallene Gesicht." (S. 202)
Abbildung aus "Die Insel des Dr. Moreau"
(Nicole Riegert, Ill.)
In der vorliegenden Ausgabe des kunstanstifter Verlages ist diese spannende Geschichte mit den Illustrationen von Nicole Riegert versehen. Alle paar Seiten trifft man auf eine ganzseitige Illustration, die das Geschehen eindrucksvoll untermalt. Nicole Riegert wendet dabei die Technik des Holzschnittverfahrens an. Ihre Bilder, die in Grün- und Blautönen gehalten sind, spiegeln dabei das unheimliche Szenario wieder. Die dezente Farbgebung bildet einen Kontrast zu der kraftvollen und farbenfrohen Sprache von H. G. Wells. Die Darstellung der Figuren ist Nicole Riegert besonders gut gelungen, unterstreichen sie doch das Groteske der Kreaturen.

Wie so häufig in den Ausgaben des kunstanstifter Verlages wird auch diesem Klassiker durch die modernen Illustrationen ein zeitloses Gewand verpasst. Klassiker sind für sich schon etwas Besonderes. Doch in dieser Variante erhalten Sie noch ein "Sahnehäubchen". Ich bin begeistert.

© Renie




Über die Illustratorin:
Nicole Riegert, geboren 1980, studierte Buchkunst/Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie Ihr Diplom ablegte und 2010 als Meisterschülerin abschloss. Seitdem sind vielfältige Bilderbücher für verschiedene Verlage entstanden, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Nicole Riegert arbeitet als Grafikdesignerin und Illustratorin für Buch-, Zeitschriftenverlage, Firmen und Institutionen. Sie lebt mit Ihrer Familie in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)