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Freitag, 15. September 2017

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Photo by Dimon Blr on Unsplash
Das ist jetzt mein dritter Roman innerhalb kurzer Zeit, in denen es um Protagonisten mit einer schwierigen Kindheit geht. Wobei "schwierig" noch harmlos ausgedrückt ist. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass mir solche Romane in diesem Jahr vermehrt in die Finger fallen. Entweder ist das Muttertier in mir besonders empfänglich für derartige Literatur, oder das Angebot dieser Bücher ist größer als in den Jahren zuvor. Steigt etwa die Anzahl derjenigen an, die Grund und Bedürfnis haben, ihre Kindheit zu verarbeiten?

In dem Roman "Mein fremder Vater" des Franzosen Sorj Chalandon, geht es um den Jungen Émile, der während seiner Kindheit unter dem gestörten Vater zu leiden hatte.
Der Autor hat, nachdem er diesen Roman veröffentlicht hat, folgende Sätze gesagt:
"Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde (...) Mein Vater war meine letzte Wunde. Ich brauchte dreiundsechzig Jahre, um dieses Buch zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich weitere schreiben werde." (Klappentext)
Dieser autobiografische Hinweis hat mich betroffen gemacht. Ich ahne, dass Schreckliches in seiner Kindheit geschehen ist. Und trotzdem war ich nicht auf den Schmerz vorbereitet, der sich in jeder Zeile dieses Romanes finden lässt.

Quelle: dtv
Das Buch beginnt mit der Beerdigung des Oberhaupts der Familie Choulans. Bereits hier stellt sich heraus, dass in dieser Familie einiges nicht stimmte. Die Sätze
"Sie sah nichts, meine Mutter. Nie hatte sie etwas gesehen." (S. 7)
lassen direkt am Anfang ein ungutes Gefühl entstehen. Was ist also in der Kindheit von Émile Choulans (alter ego Sorj?) geschehen?

Zu Beginn dieses Romans werden die familiären Verhältnisse geschildert: Émile lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung in Lyon. Mutter und Sohn leiden unter der Tyrannei des Vaters, der mit großer Brutalität über seine Familie herrscht. Der Vater scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Er leidet unter einem übergroßen Geltungsbewusstsein. Tatsächlich ist er eher der Verlierertyp. Er scheint keiner Arbeit nachzugehen. Die Wertschätzung, die ihm in der Gesellschaft verwehrt bleibt, erzwingt er sich bei seiner Familie. Entweder durch Brutalität oder durch Lügengespinste, die er seinem Sohn erzählt. 
Momentan hat sich der Vater eine Karriere als Geheimagent angedichtet. Er verkauft seine Lügengeschichten äußerst glaubwürdig. Sein 8-jähriger Sohn glaubt ihm diese Geschichten. Denn der Vater erzählt sie nicht nur, er lebt sie auch. Beschattungen, Verfolgungen, verschlüsselte Nachrichten, Kontakte zum CIA, Verschwörungstheorien, … nichts lässt der Vater aus. 
"Ich wohne am Quai des Soyeux, im zweiten Stock, und mein Zimmer geht zum Fluss hinaus, erzählte ich. Und dass mein Vater ein Spion sei. Ein ehemaliger Compagnon de la Chanson, Judolehrer, Fallschirmjäger und amerikanischer Pastor. Und für eine Geheimorganisation arbeite. Und dass mein Pate Kennedys Leibwächter sei, damit beauftragt, die Berliner Mauer niederzureißen." (S. 78)
Émile wird als Mitverschwörer von seinem Vater rekrutiert und muss sich einer harten Agentenausbildung unterwerfen. Hat man anfangs den Eindruck, dass der Vater die Geschichten nur erfindet, um seinen Sohn zu beeindrucken, wird man mit der Zeit feststellen, dass der Vater selbst an die Geschichten glaubt. Er bindet den Sohn komplett in sein vermeintliches Agentenleben und seine Verschwörungstheorien ein. Und Émile hat zu funktionieren. Jedes Versagen wird mit unvorstellbarer Brutalität bestraft. Ein Wunder, dass niemand in der Schule oder Nachbarschaft bemerkt, welche Qualen Émile erdulden muss. Die Mutter trägt dazu bei, die Misshandlungen zu vertuschen. Immer wieder ruft sie ihrem Mann bei seinen Gewaltausbrüchen zu „Nicht ins Gesicht“. Émile überlebt seine Kindheit irgendwie. 
"Ich kannte das schon. Auf Knien, die Hände im Nacken, das Gesicht zur Wand, die Tür im Rücken. Dann sperrte er die Tür zu. Zweimal. Es war dunkel. Er misshandelte mich nicht, sagte kein Wort. Räumte mich nur weg, wo ich hingehörte. ... Ich weinte vor Schmerz, wenn er mich geschlagen hatte. Auch vor Wut. Aber nie aus Verzweiflung. Die gehörte nicht zur Strafe." (S. 142)
Im 2. Teil des Buches sind bereits einige Jahre verstrichen. Émile ist mittlerweile verheiratet und hat selbst einen Sohn. Er wird seine Eltern noch ein paar Mal wieder treffen. Bei dem Versuch, Erklärungen zu den Vorfällen in seiner Kindheit zu finden, wird er jedoch scheitern.

Dieser Roman enthält ganz viel Schmerz und ein wenig Tragikkomödie.
Die Tragikkomödie zeigt sich unweigerlich bei der Geheimagentenfarce, die der Vater seinem Sohn auftischt. Teilweise gibt es völlig blödsinnige Situationen, die peinlich berühren. Der Vater kommt in seinem Geheimagentendasein auf Ideen, die man einem erwachsenen Menschen nicht zutrauen möchte. Er lebt am Rand der Gesellschaft. Er, der Looser und Querulant, hat in seinem Leben nichts Nennenswertes erreicht. Stattdessen baut er sich eine Scheinwelt auf, in der er über seine Familie herrscht und in der sein Sohn eine wichtige Rolle spielt - die des bewundernden Untertanen. Und der Vater sonnt sich dabei in dessen Bewunderung und gibt sich mit diesem bisschen Glanz zufrieden. Zu mehr wird es in seinem Leben auch nicht reichen.
"Ich hatte mich schon immer gefragt, was in unserem Leben falsch lief. Nie luden wir Leute zu uns ein. Mein Vater wollte das nicht. Wenn jemand an der Tür klingelte, hob er die Hand, um uns zum Schweigen zu bringen. Wartete bis derjenige aufgab, und horchte auf seine Schritte im Treppenhaus. Trat ans Fenster und beobachtete, hinter dem Vorhang versteckt, siegreich dessen Abzug über die Straße." (S. 47)
Bei diesem Roman schwankt man zwischen Unglauben, Fassungslosigkeit und Wut. Der körperliche und seelische Schmerz, dem Émile permanent ausgesetzt ist, kommt in jeder Zeile durch. Sorj Chalandons Schreibstil zeichnet sich durch vorwiegend kurze Sätze aus, die die Gefühlslage von Émile sehr intensiv vermitteln. Als Leser wird man kaum Gelegenheit haben, das Gelesene zu verarbeiten. Denn hier berichtet ein Kind mit einer Selbstverständlichkeit von seinen Misshandlungen, die sprachlos machen.
Und dann ist da noch Émiles Mutter, die ihren Sohn nicht vor dem Vater beschützt hat.  Stattdessen hat sie sich mit den familiären Verhältnissen arrangiert und sich eine Nische geschaffen, in der sie einigermaßen unbeschadet die Jahre mit ihrem Mann überstanden hat. "Nichts sagen, nicht auffallen und machen, was er sagt" - dies waren für sie die probaten Mittel im Umgang mit ihrem Mann. Dass ihr Familienleben nicht normal war, hat sie vor sich selbst geleugnet. Dieses Leugnen der Realität wird bei ihr bis ins hohe Alter reichen. Daher weiß ich nicht, über wen ich mich mehr aufregen soll. Über den seelisch gestörten Vater, oder über die seelisch gestörte Mutter.
"In mir war nichts mehr. Kein Zorn. Kein Schmerz. Mein Körper hat seine Fäuste überlebt. Mein Kopf war heil geblieben." (S. 225)

Fazit:
Wenn ich rückblickend daran denke, dass dieser Roman autobiografische Züge trägt, wird mir Angst und Bange. Wie kann ein Mensch, der als Kind solchen Grausamkeiten ausgesetzt war, ein normales Leben führen? Doch Émile, dem Hauptcharakter dieses Romanes ist es gelungen. Daher steckt in seiner Geschichte am Ende doch noch ein bisschen Hoffnung.
Ein intensiver Roman, der schmerzhaft berührt, und der sprachlos vor Entsetzen macht.

© Renie





Über den Autor:
Sorj Chalandon war Journalist bei der Zeitung ›Libération‹. Seine Reportagen über Nordirland und den Barbie-Prozess wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte die Romane ›Le petit Bonzi‹ (2005), ›Une promesse‹ (2006, ausgezeichnet mit dem Prix Médicis) und ›Mon traître‹ (2008). Sein vierter Roman ›La légende de nos pères‹ (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. ›Die Legende unserer Väter‹. Der folgende Roman ›Retour à Killybegs‹ (2011; dt. ›Rückkehr nach Killybegs‹, 2013) wurde mit dem Grand Prix du roman de l’Académie francaise 2011 ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt 2011 nominiert. Auch der Roman ›Le quatrième mur‹ (2013; dt. ›Die vierte Wand‹, 2015) war für den Prix Goncourt nominiert. (Quelle: dtv)