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Sonntag, 29. November 2015

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert



Wenn ich ein Buch beginne, habe ich immer eine gewisse Erwartungshaltung, hervorgerufen durch die Buchbeschreibung, anderen Rezensionen oder auch der Titel und das Buchcover. Umso großartiger ist es, wenn diese Erwartung um Längen übertroffen wird, so auch bei diesem Buch. Ich habe über „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ nur Gutes gehört, habe mit einem spannenden Krimi gerechnet. Aber, dass dieser Roman vieles mehr ist, damit habe ich nicht gerechnet.


Quelle: Piper

Worum geht es in diesem Buch?

Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor dreiunddreißig Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors – und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman – fährt Goldman nach Aurora, und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln. (Klappentext)
"'... ein junger Mann, der im Leben nichts auf die Reihe bekommen hat - bis er Harry begegnet ist. Harry hat mir beigebracht, wie ich Schriftsteller werde. Er hat mir beigebracht, wie wichtig es ist, fallen zu können.'" (S. 86)
Der Schriftsteller Marcus Goldman möchte seinen langjährigen Freund und Mentor Harry Quebert in dessen schwersten Stunden unterstützen. Dieser wird beschuldigt, vor 30 Jahren die damals 15-jährige Nola umgebracht zu haben, mit der er ein Liebesverhältnis hatte. Marcus Goldman steht unter Druck. Nach seinem ersten und sehr erfolgreichen Roman, gelingt es ihm nicht, an seinen Erfolg anzuknüpfen. Er hat eine Schreibblockade, für die sein Verleger leider kein Verständnis hat. Der Skandal um Harry Quebert könnte nicht passender kommen. Marcus glaubt an die Unschuld von Harry Quebert und entschließt sich, ein Buch über die Hintergründe des Verbrechens und dessen Aufklärung zu schreiben.
"Hatte die große Mehrheit Amerikas einen Triebtäter für gesellschaftsfähig erklärt, indem sie ihn zum Starautor gekürt hatte?" (S. 52)

Dienstag, 24. November 2015

Maria Semple: Wo steckst du, Bernadette?

Dieses Buch ist nicht das, was es vorgibt zu sein - und das ist gut so. Wenn ich nicht vorher schon von dem Buch gehört hätte, wäre ich aufgrund des Buchcovers nicht auf die Idee gekommen, es zu lesen. Mit dem Cover assoziiere ich seichte Frauenliteratur im Sinne von "jung, frech, spritzig, am Ende kriegen sie sich" - also nicht unbedingt das von mir bevorzugte Genre.
Doch die Reaktionen auf dieses Buch lassen aufhorchen: "ein wunderbar durchgeknalltes Buch"…… "erfrischend anders, mit vielen Ecken und Kanten, voller Überraschungen"….. "stand zu Recht über 30 Wochen auf der „New-York-Times“-Bestsellerliste". Soviel Lob hat mich neugierig gemacht.


Worum geht es in dem Buch:
Bernadette Fox ist chaotisch, überfordert – und ungeheuer liebenswert. Ihr Ehemann Elgie, der neue Hoffnungsträger bei Microsoft, mag ihren Witz. Und ihre verrückten Ideen. Irgendwie auch ihre Unsicherheit, wenn sie mal wieder von quälenden Ängsten heimgesucht wird. Die anderen Mütter, allesamt perfekt organisiert, halten Bernadette allerdings für eine Nervensäge. Verantwortungslos. Schließlich beschäftigt sie online eine indische Assistentin, die den Alltag für sie regelt. Zum Stundensatz von 0,75 Dollar reserviert Manjula den Tisch im Restaurant, erledigt mal eben die Bankgeschäfte und bucht den Familienurlaub in die Antarktis. Und für ihre 15jährige Tochter Bee, die kleine Streberin, ist Bernadette, na ja, eine Mutter. Bee kennt ja keine andere. Doch irgendwann beschließt Bernadette auszubrechen. Ihr wird das alles zu viel. Und auf einmal ist sie verschwunden … (Quelle: Klappentext)
Der erste Abschnitt des Buches behandelt die Zeit vor dem Verschwinden Bernadette’s. Dabei entwickelt sich die Vorgeschichte aus einzelnen Bruchstücken. Der Leser erfährt über Mailverkehr, Briefwechsel, Protokollen etc. von verschiedenen Charakteren, die mehr oder weniger mit Bernadette’s Verschwinden zu tun haben, was zu dem Geschehen beigetragen hat. Dabei kommen auch Bernadette sowie ihre Tochter Bee zu Wort. Die Geschichte, die sich dabei dem Leser offenbart ist einerseits urkomisch, zum Anderen aber auch haarsträubend und stimmt nachdenklich.

Sonntag, 22. November 2015

Sonja Rüther: Eine Spur aus Frost und Blut

Frau Holle - ein Märchen, überliefert von den Gebrüdern Grimm. Dieses Märchen ist mir in meiner Kindheit unzählige Male vorgelesen worden. Die nette Frau Holle, die ihre Betten schüttelt, dass es auf der Erde schneien möge. Dabei wird sie unterstützt von Goldmarie, einem wohlerzogenen, gehorsamen, fleißigen, hilfsbereiten, hübschen, bescheidenen Mädchen, das keine Mühe scheut, um Frau Holle die schwere Arbeit abzunehmen. Soviel Hingabe muss belohnt werden. Als Goldmarie's Zeit bei Frau Holle vorbei ist, wird sie zur Belohnung über und über mit Gold begossen. Ganz anders die faule und habgierige Pechmarie, die Goldmarie's Nachfolge antritt. Sie erledigt ihre Arbeit nicht so, wie es von ihr erwartet wird, und zur Strafe wird sie zum Abschied mit Pech übergossen. Geschieht ihr auch recht! Auf Erwachsene muss man hören! Man muss immer hilfsbereit sein! Bescheidenheit ist eine Tugend!



Ja, mit diesem Märchen bin ich aufgewachsen. Meine Favoritin bei den beiden Maries war ganz klar Goldmarie. Soviel Tugendhaftigkeit und Liebreiz hat mich schlichtweg beeindruckt. Und dann halte ich heute dieses Buch von Sonja Rüther in den Händen. Und was stelle ich fest: Die Geschichte ist gar nicht so verlaufen, wie man mir seit mehr als 40 Jahren vorgegaukelt hat!


Freitag, 20. November 2015

Doris Luser: Ich ritt Gaddafis Pferde

Ich und ein Buch über Pferde? Wenn mir jemand vor einiger Zeit gesagt hätte, dass ich ein Pferdebuch lesen würde - und das auch noch mit Hochgenuss – den hätte ich für verrückt erklärt. Ich bin weder Pferdefreund noch Pferdehasser. Ich bin eher pferdeneutral. Warum sollte ich ein Buch über Pferde lesen? Ich habe dieses Buch gelesen, weil Doris Luser viel mehr zu erzählen hat als von ihren Erlebnissen mit Gaddafi's Pferden: Es ist die faszinierende Geschichte einer Österreicherin, die für einige Jahre allein in Libyen gelebt hat – ein islamisches Land, das durch die Politik seines langjährigen Staatsoberhauptes Gaddafi geprägt worden ist und dessen Bevölkerung unter einem langjährigen Bürgerkrieg leidet. Ein Land, das man nicht mit Toleranz gegenüber Frauen und anderen Religionen in Verbindung bringt. Ich habe mich gefragt, wie es eine westeuropäische selbstbewusste und emanzipierte Frau in diesem Land aushalten kann? Das Buch liefert die Antworten.










Worum geht es in dem Buch?
Doris Luser lebte fünf jahre in Libyen. Als passionierte Reiterin und durch ihre Liebe zu Pferden erhält sie Zugang zu Kreisen, die anderen Ausländern verschlossen bleiben. Sie erlebt ein Libyen, das andere niemals in dieser Form kennenlernen dürfen. Mit dem Buch "Ich ritt Gaddafis Pferde" hat sie ihre einzigartigen Erlebnisse niedergeschrieben und eröffnet somit dem Leser Einblicke in eine fremde und faszinierende Welt.

Wenn man das Buch beginnt, ist man als Leser sofort mittendrin im Geschehen. Doris Luser hält sich nicht lange mit einer Einleitung auf. So wie sie sich von einem Moment auf den anderen in einem neuen Kulturkreis befindet, so ist der Leser sofort von der Geschichte gepackt. Man spürt die anfängliche Einsamkeit und das Gefühl der Verlorenheit von Doris. Ihr Apartment – sie nennt es scherzhaft „Alcatraz" – ist nicht sehr einladend, die Menschen mit denen sie es anfangs zu tun hat, wirken seltsam teilnahmslos. Alles ist fremd.
"Ich sage ihm, dass ich mir irgendwie betäubt vorkomme, wie unter einem Glassturz, ich kann es gar nicht genau erklären, und er erwidert, dass ich wohl einen Kulturschock habe. Wie? Jetzt schon? Ich habe doch noch gar nichts gesehen von diesem Land! Huh, wie geht das denn weiter?"
Mit den ersten Freunden und Bekannten fängt Doris an, sich in ihrer Umgebung einzuleben. In Camp Regatta, einer Siedlung, in der sie ihre Wohnung hat, leben hauptsächlich Expatriates - also Angehörige international tätiger Unternehmen, die für eine gewisse Zeit ins Ausland gesendet werden. Ihr neuer Freundeskreis setzt sich hauptsächlich aus Botschaftsangehörigen verschiedener Nationen und Arbeitskollegen zusammen. Das Leben, das dieser Personenkreis in Libyen führt, erinnert mich sehr stark an das Auftreten der Briten in Indien z. Zt. des Kolonialismus. Es ist von Dekadenz und Luxus geprägt. Durch Doris' Kontakte zu ihren Botschafterfreunden hat sie auch Zugang zu Angehörigen des libyschen Geheimdienstes und Militärs, die sich ebenfalls in diesen Kreisen bewegen. Diese Beziehungen ermöglichen ihr irgendwann den Zugang zum legendären Reitstall Forusia. Hier werden die Pferde Gaddafis' trainiert und auf internationale Wettkämpfe vorbereitet - für die Tierfreundin und Pferdenärrin Doris das Paradies auf Erden. Der Reitsport in Libyen ist eine Männerdomäne. Aber durch ihre besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Pferden hat Doris sich schnell den Respekt der anderen Reiter verdient. Sie wird akzeptiert und hat auf einmal die Gelegenheit - genauso wie der Leser mit ihr - Seiten vom Leben in Libyen kennenzulernen, die anderen Ausländern verwehrt bleiben.

Freitag, 13. November 2015

Håkan Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Welch' ein Titel für ein Buch! Hätte ich eine Hitliste über Bücher mit schrägen Titeln, stünde dieses Buch mit Sicherheit ganz weit oben.

Wie bin ich an dieses Buch geraten? Ganz einfach! Bei Whatchareadin fand eine Genreleserunde statt. Diesmal ging es um Krimis. Dieses Buch ist von einem der Teilnehmer vorgeschlagen worden und ich habe mich gern eingeklinkt. Håkan Nesser hat dieses Buch bereits 2007 veröffentlicht. Die Presse war voll des Lobes für diesen Krimi. Der größte Teil der Leserschaft war begeistert und ist es noch. Mittlerweile ist dieses Buch zur Schullektüre an Schwedens Schulen erklärt worden. Also, bei soviel Lorbeeren muss dieser Krimi doch einfach gut sein - dachte ich. Falsch gedacht! Ich scheine zu den wenigen Lesern zu gehören, die mit diesem Buch nicht viel anfangen können. Und warum das so ist, möchte ich hier erklären.

Quelle: btb
Worum geht es in diesem Buch?
Schweden in den 60er Jahren. Ein kleines Sommerhaus an einem der unzähligen Seen. Hier verbringen der 14jährige Erik und sein Freund Edmund die Ferien. Sie schwärmen von der jungen Aushilfslehrerin Ewa, die aussieht wie Kim Novak und sich bald beim Dorffest in voller Blüte zeigt. Zwei Tage später findet man die Leiche von Ewas Verlobtem. (Klappentext)
Was ist passiert? Die Polizei tut sich schwer, dieses Verbrechen aufzuklären. Irgendwann wird der Fall als ungelöster Mordfall ad acta gelegt. Erst 25 Jahre später stellt sich heraus, was damals wirklich passiert ist.

Eigentlich ein schöner Plot für einen Krimi. Also, was hat mich an diesem Buch gestört?

Donnerstag, 5. November 2015

Rudyard Kipling: Über Bord (Edition Büchergilde)

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie besonders die Bücher des Verlages "Edition Büchergilde" sind. Geht man auf die Webseite des Verlages, liest man Begriffe wie "Gute mit dem Schönen verbinden", "Inhalte und Form werden zu mehr als Buchstaben und Papier", "ein besonderes Buch gestaltet Gedanken zum Genuss". Das ist hört sich gut an, klingt aber verdächtig nach werbewirksamen "Marketing-Deutsch". 

Als ich dann den Klassiker "Über Bord" von Rudyard Kipling in der Post hatte, wurde mir bewusst, dass jedes Wort der Beschreibung auf der Verlagsseite zutrifft.
Kipling hat dieses Buch bereits 1897 geschrieben. Die Edition Büchergilde hat diesen Roman anlässlich des 150. Geburtstags Kiplings in diesem Jahr in ihr Programm genommen. Dabei ist ihr eine wunderschöne Ausgabe gelungen, die das Herz des Bibliophilen höher schlagen lässt.


Worum geht es in diesem Buch?
Der 15-jährige Harvey ist der einzige Sohn des Multimillionärs Cheney senior. Dass er der Erbe eines Millionenvermögens, hat Harvey nicht gut getan. Er ist verwöhnt und verweichlicht, hat in seinem Leben noch keinen Finger gerührt. Arbeit ist für ihn ein Fremdwort.
"Wie viele andere unglückliche junge Leute hatte Harvey nie im Leben einen direkten Befehl erhalten - jedenfalls nie ohne lange und manchmal tränenreiche Erläuterungen der Vorzüge des Gehorchens und der Gründe für die Forderung. Mrs. Cheyne lebte in der Furcht davor, sein Gemüt zu knicken, was vielleicht der Grund dafür war, dass sie selbst ständig am Rand eines Nervenzusammenbruchs wandelte." (S. 20)
Bei der Überfahrt mit einem Passagierdampfer von Amerika nach Europa, wird Harvey über Bord gespült und gilt von da an als verschollen.